Gedankengänge: Die „Neue Rechte“ und die Anderen

Es war wohl der elitäre Habitus, aus dem heraus sich eine „Neue Rechte“ als Avantgarde metapolitischer Theoretiker zu fühlen pflegte. Es war dann kein großer Schritt, sich selbst ganz generell als Avantgarde in Deutschland zu sehen. Diese Selbstwahrnehmung ist aber unreflektiert. Sie funktioniert nur unter Ausblendung von – nein das würde zu weit führen – sie funktioniert nur unter permanenter Einblendung eines Zustandes gesamtgesellschaftlicher Dekadenzerscheinungen. Dieser Zustand wird herbeigeredet und bildet eine Festung, die unbedingt verteidigt werden muss. Die Dekadenz der Anderen ist also Daseinsberechtigung und zugleich Legitimation des eigenen Eliten-Denkens. Wären die Anderen nicht dekadent, so wäre man selbst nicht elitär, bzw. avantgardistisch. Nur das allein reicht nicht, man muss sich seiner Umwelt ja mitteilen, hier beginnt dann das Dilemma der „Neuen Rechten“.

Was immer gut ankommt: Angst

Die günstigste Möglichkeit Aufmerksamkeit zu erregen ist das Erwecken von Ängsten. Hier hat man sich lange Zeit zurückgehalten und das Feld von anderen Rechten beackern lassen. Das liegt vielleicht daran, dass Ängste meistens eine irrationale Angelegenheit sind und nur selten auf lange Sicht kontrollierbar bleiben. Zudem ist sich die „Neue Rechte“ nicht sicher, ob sie selbst auch Angst hat, oder diese nur verbreiten möchte. Argumente gibt es für beide Möglichkeiten. Wie auch immer, seit einiger Zeit formuliert man Angstgründe massenkompatibel, d.h. man warnt explizit vor einer Islamisierung Europas, vor einer generellen Überfremdung und Landnahme durch Ausländer, oder noch direkter, eine Katastrophe werde passieren. Man spricht vom nahenden Bürgerkrieg und sieht tatsächlich alle Anzeichen. Das Dilemma an dieser Sache: Man kann zwar metapolitisch argumentieren, die Beweisführung muss aber realpolitisch und noch dazu in der Gegenwart stattfinden. Hier musste die „Neue Rechte“ also deutlich das Niveau senken, um sich für die Umwelt verstehbar zu machen. Das sinkende Nivau legte dann aber ihren doch sehr überschaubaren und noch dazu primitiven Kern frei. Der elitäre Habitus wurde deutlich entzaubert.

Den Feind benennen

Natürlich muss es einen übergeordneten Feind geben der für alles die Verantwortung trägt. Bei der „Neuen Rechten“ heißt dieser Feind „linker Zeitgeist“. Eine offene Formulierung, die es erlaubt auch mal undifferenziert zu Werke zu gehen, denn wer soll das schon konkret sein, der „linke Zeitgeist“? Man kann also in seinem Sinne handeln, man kann ihn verteidigen und man kann, hier wird es ganz wichtig, Opfer eben dieses „linken Zeitgeistes“ sein. Der Feind ist also nahezu übermächtig und eine „Neue Rechte“ sieht sich mit dem Rücken an der Wand. Auch dies fördert natürlich die elitäre Selbstwahrnehmung. So ist es einer „Neuen Rechten“ zumindest möglich, die im letzten Absatz genannte Entzauberung ein Stück weit wieder zu korrigieren. Denn es muss ja nach neurechter Logik in der Natur des „linken Zeitgeistes“ liegen, dass eine „Neue Rechte“ in der Öffentlichkeit als niveauloser Populist dargestellt wird. Die Eigenverantwortung wird ausgeblendet, eingeblendet wird der „linke Zeitgeist“ und schon steht man wieder am Anfang und kann mit den Finger auf die gesamtgesellschaftlichen Dekadenzerscheinungen zeigen, die natürlich eine Folge des „linken Zeitgeistes“ sind.

Frust und Radikalisierung

Die „Neue Rechte“ dreht sich also im Kreis und das erzeugt Frust. Denn wirlich etwas Nennenswertes hat man nicht erreicht. Im Gegenteil, Personen, mit denen man eigentlich nicht viel zu tun haben wollte, klopfen an die Tür und laden ein zur Radikalisierung, wofür eine „Neue Rechte“ ja sehr empfänglich sein muss, siehe primitiver Kern. Es wäre ja eine Möglichkeit den Kreislauf zu unterbrechen, wenn man doch einige mehr im Boot sitzen hätte, um vielleicht so an Einfluss zu gewinnen. Leider vertragen sich diese neuen Leute nicht mit dem Begriff der Avantgarde im engeren Sinne, wollen sich aber auch nicht einige Stufen unter die „Neue Rechte“ stellen, Konfliktpotential. Das Dilemma: Plötzlich ist man mehr mit sich selbst beschäftigt, als mit der dekadenten Außenwelt. Und plötzlich ist man mittendrin, senkt wieder das Niveau und fürchtet die Unabhängigkeit zu verlieren, zudem wird wieder ordentlich der elitäre Habitus entzaubert und das schon wieder in Eigenverantwortung. Man kann sich denken was passiert und wird überrascht sein, wie kaltschnäuzig die „Neue Rechte“ dabei sein kann.

Ist der Ruf erst ruiniert…

Man macht also einfach weiter, wobei kleinere Veränderungen ja nicht schaden. So wird dann das Motto „den guten, wahren und schönen Rechten ein Tagebuch“ geändert. „Etiam si omnes, ego non“ soll dann das Motto sein. Und schon ist man wieder zurück und steht als Avantgarde gegen die dekadenten Anderen und natürlich gegen den „linken Zeitgeist“. Die Festung wurde also erfolgreich gegen sich selbst verteidigt.

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3 Responses to Gedankengänge: Die „Neue Rechte“ und die Anderen

  1. Lutz sagt:

    Interessante weiterführende Lektüre zum Verständnis der beschriebenen Phänomene (und mehr) auf psychologischer Ebene:

    Friedrich Hacker „Das Faschismus-Syndrom. Analyse eines aktuellen Phänomens“ (TB, Fischer, Verlag, Frankfurt 2000, ISBN-13: 978-3596107759 )

  2. […] Was ich aber viel interessanter finde, Kubitschek hofft und wartet noch immer auf weitere Nachahmer seiner “konservativ subversiven Aktion“, so schreibt er: “Mal sehen, wanns in München, Frankfurt, Bonn und Hamburg losgeht …“. Doch selbst wenn sich dort einige Verwirrte finden, die sich mit Augenklappe und selbstgebastelten Plakaten irgendwo hinstellen und sich ins doppeldeutige rechte Licht setzen, einen echten Durchbruch wird es nicht geben. In Bezug zum Buch “Leitbegriffe” hatte ich schon diverse Anmerkungen gemacht, die in die gleiche Richtung gehen. Es “mischt sich (…) ‘Gegenrealität’ mit dem Zweckoptimismus eines rechten Verlegers” – daran hat sich nichts geändert, auch nicht mit neuem Motto. […]

  3. […] sie einem gefällt. Auch dazu und allgemeiner hatte ich mir in der Vergangenheit ebenfalls schon Gedanken gemacht. Die neurechte Festung wird also noch immer wirkungsvoll gegen sich selbst verteidigt. […]

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