Oberstübchenreport (1)

Heute: Was der Stammtisch so denkt, die Heizperiode, unverschuldet in Not geraten und endlich sagt es mal einer

Frau Merkel hat ja Recht, wenn sie Westerwelle vorwirft, er breche Tabus, die es nicht gäbe. „Unterschichtenbashing“ ist salonfähig. Man kennt das von diversen Stammtischen mit dem üblichen Diskussionsverlauf. Einer, der nicht arbeitet und gerade auch nicht anwesend ist, wird Gesprächsthema. Man hätte gehört, er drehe seine Heizung immer sehr hoch, eine Unverschämtheit, denn wer bezahle denn seine Heizkosten, die Allgemeinheit zahle, Unverschämtheit. Wer sagt, ihm sei das egal und jeder könne seine Wohnung so warm haben wie er möchte, der wird ausgelacht oder angefeindet. Fest steht ja bereits: Unverschämtheit. Dann solle er doch arbeiten gehen und die Heizkosten selbst zahlen. Schließlich ginge es ja um die Allgemeinheit oder vielmehr die arbeitende Bevölkerung, die immer alles bezahlen müsse. Besonders schön in solcher Diskussion: Es gibt immer mindestens eine Person, die Arbeit hat und ordentlich Geld verdient, die dabei aber selbst angeblich kaum heizt, sei eben trotzdem zu teuer. Und dann kommt die Schlussfolgerung: Da XY auch nicht heizt, obwohl er gut Geld verdient, warum sollte dann der Arbeitslose mehr heizen können und sich das auch noch vom weniger heizenden, arbeitenden Gutverdiener bezahlen lassen? Unverschämtheit und noch dazu unbezahlbar, man müsse mal schauen, wieviel Geld man für solche Leute zum Fenster hinaus werfe. Ja, solche Diskussionen führt der Stammtisch und ich wollte das noch loswerden innerhalb der Heizperiode. In einigen Wochen könnte das Thema dann so starten: Man hätte gehört er heize noch, obwohl es ja jetzt nicht mehr nötig sei. Man selbst habe ja und überhaupt…

Der Stammtisch hat übrigens auch oft eine tolle Meinung zum unverschuldeten in Not geraten. Unverschuldet sei es demnach nur, wenn der Arbeitgeber pleite gehe, also Insolvenz anmelde. Liegt einfach nur eine Kündigung vor, dann werde dies auch einen guten Grund haben, es sei also keine unverschuldete Not. Punkt. Und unverschuldete Not ist auch nur von kurzer Dauer wirklich unverschuldet. Wer nach vierzehn Tagen keine neue Arbeit habe, der mache etwas falsch. Wer selbstverschuldet arbeitlos ist, also z.B. „wegrationalisiert“ wurde, der brauche sich auch nicht zu wundern, wenn er nur Absagen bekomme, es läge an ihm selbst. Hätte er mal lieber, so wie man früher und überhaupt…

Und dann lässt sich auch schnell begründen, warum alle so reden, wenn es dann aber ein Politiker wie Westerwelle auch mal so oder ähnlich sagt, der Stammtisch zufrieden nickt und konstatiert: Endlich sagt es mal einer! Dieses Paradoxon (alle sagen „es“ ja bereits seit Jahren und dann trotzdem ein „endlich“, wenn es ein Politiker sagt) liegt in der (klein)bürgerlichen Mentalität begründet, nämlich der Unterscheidung zwischen „Denen da oben“ und „wir„. Man meint also eigentlich: Endlich sagt es mal einer von Denen da oben! Und das macht natürlich zufrieden, „der kleine Mann“ fühlt sich verstanden.

***

Demnächst im Oberstübchenreport: Stoßlüften, alles andere ist unverschämt – „Herrengedeck“ (Bier plus Korn) und Kommunikationskultur – Wenn das JEDER machen würde

Achtung Anmerkung: Natürlich ist ein Stammtisch nicht gleich der Stammtisch. Angesprochen ist, wie immer, wer sich auch angesprochen fühlt. Und überhaupt…

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One Response to Oberstübchenreport (1)

  1. […] stehen deshalb viele Stammtisch-Rentner auch so früh auf, um nicht in Verdacht zu geraten selbstverschuldet in Not geraten zu […]

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