Oberstübchenreport (2)

Heute: Was der Stammtisch so denkt, die Heizperiode, Stoßlüften, Türkenwitze und der wahre Kern

Einige Tage war es merklich wärmer, dann plötzlich wieder Schnee und Kälte. Und überhaupt, wo sei denn die Erderwärmung? Dieser Winter sei ja wohl Beweis genug, dass das alles Quatsch sei, was da so erzählt werde. Aus dieser Wut über solche Unverschämtheiten werden heute die Hartz4’ler als Asoziale bezeichnet, weil man halt mal wieder seinem Ärger Luft machen möchte. Luft. Wenn Asoziale lüften, dann stinkt die Umwelt, oder: Wenn der seine Haustür öffne, dann stinke es im Treppenhaus nach Alkohol und Zigarettenqualm. Unverschämtheit. Der mache ja auch den lieben langen Tag nichts. Und vor allem, nichts für die Allgemeinheit. Der kleine Mann sei wieder der Zahlmeister. Und beim Lüften lasse er die Heizung laufen, bestimmt absichtlich, um der Allgemeinheit zu schaden. Da sei man sich sicher. Und von denen gäbe es Millionen, was das koste. Und überhaupt sei kurzes Stoßlüften die einzige Lüftungsmöglichkeit. Aber Asoziale seien eben doof und würden zudem, schaffen sie es tatsächlich mal, beim Stoßlüften ihre stinkende Bettwäsche aus dem Fenster hängen. Denn bei der Hygiene, da sei man sparsam. Gelächter.

Auch Witze gehören quasi rituell zum Stammtisch. Allgemeines Stimmengewirr, einer erhebt die Stimme und fragt seinen Sitznachbarn ob er ihm schon den Witz mit dem Türken erzählt habe. Welchen er meine, fragt dann der Sitznachbar. Logisch, Türkenwitze gibt es viele. Sobald nun der Eine seine Witzstimme anklingen lässt verstummen die Anderen und lauschen. Ho Ho, ein vielleicht neuer Türkenwitz. Der Eine erzählt also, und immer wenn er den Türken spricht, gibt er sich Mühe, gebrochenes Deutsch zu sprechen. Für die Zuhörer ist allein das schon Grund in schallendes Gelächter auszubrechen. Man solle bitte leise sein, man verstehe hinten sonst nichts.  Fast immer die Pointe: der Türke sei doof, stinke oder gar tot. In diesem Fall kam er mit einem Messer zu einer Schießerei, was sein drittes Problem gewesen sei. Gelächter. Noch mehr Gelächter.

Aber dann. Es stimme doch aber, man dürfe das zwar eigentlich nicht offen sagen, aber es stimme halt. Was genau stimmen soll, das bleibt meistens unklar, hier wohl ein Zusammenhang zwischen Messer und Türke. Ohnehin habe jedes so genannte Vorurteil einen wahren Kern, woher solle denn so ein Vorurteil sonst kommen! Nachdenkliches Schweigen. Einige schauen sich um, vielleicht hört der Feind ja mit. Kategorie „Feind“ ist immer ein neuer Gast, der Unbekannte, der Fremde. Flüstern. Kenne den jemand. Nein. Im Falle der Anwesenheit eines solchen Fremden wird abgelenkt und lautstark einen neues Bier bestellt. Man wolle ja nicht über Politik reden, man sei zum Spaß hier. Ob man noch ein Bier bekäme. Kein Fremder anwesend, es werden noch zwei, drei Witze erzählt, meistens bis etwas Bemerkenswertes passiert. Z.B. ein zahlender Gast. Ob er schon gehen wolle. Ja, er müsse schließlich früh raus. Arbeiten. Er sei ja kein Arbeitsloser. Inzwischen hat sich die Bezeichnung wieder normalisiert und es wird nicht mehr vom „Asozialen“ gesprochen. Vielleicht stehen deshalb viele Stammtisch-Rentner auch so früh auf, um nicht in Verdacht zu geraten selbstverschuldet in Not geraten zu sein.

***

Demnächst im Oberstübchenreport: “Herrengedeck” (Bier plus Korn) und Kommunikationskultur – Wenn das JEDER machen würde – Überraschungen

Achtung Anmerkung: Natürlich ist ein Stammtisch nicht gleich der Stammtisch. Angesprochen ist, wie immer, wer sich auch angesprochen fühlt. Und überhaupt…

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One Response to Oberstübchenreport (2)

  1. bogo70 sagt:

    Auch wenn Muslime eher nicht am Stammtisch sitzen, gibt es auch da so einige grenzwertige Witze. Die Frage ob man nun lachen darf oder nicht, stellte sich mir bei diesem Witz, der nicht nur zweideutig, sondern gleich dreideutig daher kommt. 🙂

    Jürgen Klopp von „Borussia Dortmund“ entdeckt in Bagdad einen 17-jährigen irakischen Fußballgott und kann den jungen Mann überreden, mit nach Deutschland zu kommen.
    Der neue Spieler übertrifft alle Erwartungen und erzielt in seinem ersten Bundesligaspiel das 1:0 Siegtor. Überglücklich ruft er seine Mutter an:
    „Was für ein herrlicher Tag, ich habe ein Tor geschossen!“
    „Wunderbar dass es Dir so gut geht“, antwortet die Mutter sarkastisch, „lass Dir erzählen, wie unser Tag aussah: „Dein Vater wurde auf offener Straße angeschossen, Deine Schwester und ich wurden vergewaltigt, und Dein kleiner Bruder ist jetzt Mitglied einer Straßengang.“
    „Wie entsetzlich, wie furchtbar“ jammert der Fußballer, „wie furchtbar, das tut mir so leid…“
    „Es tut Dir leid?!?“, fährt die Mutter aufgebracht dazwischen. Es ist doch Deine Schuld, dass wir jetzt in Dortmund wohnen!“

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