Moderne Wahrsager und Kaffeesatzleser

Wahrsager und Kaffeesatzleser sind keine Wissenschaftler und ihre Prognosen sind unnützer Humbug. Das sollte eigentlich klar sein. Die Versuchung, durch den vermeintlichen Blick in die Glaskugel, eine Voraussage für die Zukunft zu machen und damit Konsequenzen für die Gegenwart zu fordern, ist scheinbar zu verlockend. Und die politischen Möglichkeiten scheinen eine Entscheidung zwischen Seriösität und eben Humbug oft zu Gunsten des Humbugs oder Irrsinns ausgehen zu lassen. Das ist natürlich auch viel einfacher.

Ein Thilo Sarrazin kann auf diese Weise die Abschaffung Deutschlands prognostizieren, weil er eben zu wissen meint, wie Deutschland in vielen Jahrzenten aussehen wird. Und wenn nicht? Egal, das Buch hat sich verkauft.

Wer weiß denn, mal ganz privat gefragt, was allein in fünf Jahren sein wird? Und würde man für diese Vermutungen die Hand ins Feuer legen oder sie gar als wissenschaftliche Erkenntnisse verkaufen? Die modernen Wahrsager und Kaffeesatzleser schon.

Jens Berger präsentiert einen von ihnen:

„Während Ökonomen in steter Regelmäßigkeit bei der Prognose konjunktureller Daten für das nächste Quartal versagen, gaukelt Bernd Raffelhüschen vor, das Verhältnis der Pflegefälle zur Erwerbsbevölkerung im Jahre 2050 mit einer Stelle hinter dem Komma berechnen zu können, um daraus dann auch noch den exakten Beitrag für die Pflegeversicherung im Jahre 2060 zu prognostizieren.“

Wobei bei Herrn Raffelhüschen alleine die Einleitung von Bergers Text reicht:

„Turnusmäßig meldet sich die neoliberale Mietfeder Bernd Raffelhüschen zu Wort und spielt stereotyp mit den Ängsten vor dem demographischen Wandels und prophezeit wie einst Nostradamus den baldigen Kollaps der gesetzlichen Sozialsysteme. Dabei erfüllt Raffelhüschen eigentlich nur seinen Auftrag, werden viele seiner Studien am Deutschen Institut für Altersvorsorge doch von der Deutschen Bank finanziert, was wiederum perfekt zu seinen Tätigkeiten im Aufsichtsrat der ERGO-Versicherungsgruppe AG und in den neoliberalen Denkfabriken Stiftung Marktwirtschaft und Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft passt.“

Die Wahrsager und Kaffeesatzleser sind dabei das kleinere Übel, ihre skrupellosen Finanziers und deren Interessen sind das Problem. Und natürlich jene, die diesem ganzen Humbug Glauben schenken.

Bild: Chmouel Boudjnah

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One Response to Moderne Wahrsager und Kaffeesatzleser

  1. Ingo sagt:

    Wenn deine Aussagen oben stimmen und man tauscht nun die Aussagen von Raffelhüschen aus mit Klimawandel, dann gibt es also auch ich 100 Jahren kein Ansteigen des Meeresspiegels und keine Temperaturerhöhung, da es ja nur Prognosen sind.

    Florian: Also abgesehen davon, dass Prognosen nicht falsch sein müssen, könntest du natürlich recht haben, oder eben auch nicht. Dass Prognosen, die Jahrzehnte in die Zukunft gehen, nur unseriös genannt werden können, sehe ich noch immer so. Auch wenn es da natürlich noch qualitative Unterschiede gibt.

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