Presseschau KW 09

++ Von Tatsachenbehauptung und Meinungsbildung ++ Manchmal sind wir einfach fies ++ Armutsbericht 2017 ++ Rechts ist so gut wie links ++ Das missbrauchte Geschlecht ++ Krieg ohne Blut ++ Trolle im Netz ++ Schulz-Effekt-Hascherei ++ Stimme aus den Banlieues ++ Das Engelsche Gesetz und die grüne Blase ++ Auf dem Rückzug ++ Die Wochenkrippen-Kinder ++ Populismus ++

***

Mechanismen des Diskurses: Von Tatsachenbehauptung und Meinungsbildung – Deutschlandradio Kultur

„Mit diesen Einsichten kommen wir nicht umhin, für Tatsachenbehauptungen ebenso streiten zu müssen wie für Meinungen. Jeder muss anerkennen, dass andere die eigenen Vorverständnisse nicht teilen und dass sich die eigenen Wahrheiten in der Debatte bewähren müssen. Wer das tut, kann die Kritik der anderen an den eigenen Tatsachenkonstrukten aufnehmen – und darf umgekehrt verlangen, dass auch die anderen ihre Annahmen hinterfragen. Debatten auf diese Art zu führen und sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die gänzlich andere Vorverständnisse haben, ist wahrlich kein Vergnügen. Es ist aber der Preis für die Offenhaltung des Diskurses, für die Chance einer gemeinsamen Auseinandersetzung. Diese Anstrengung ist notwendig, denn es gibt nur zwei Formen gesellschaftlicher Konfliktlösung: Diskurs – und Gewalt.“

***

Antisoziale Reflexe: Manchmal sind wir einfach fies – Neue Züricher Zeitung

„Antisoziale Präferenzen funktionieren gemäss einer Logik, die sich vielerorts in der Natur ausmachen lässt. Sie wurzelt in ganz rudimentären Verhaltensstrategien – so sondern etwa Bakterien Toxine ab, um eng verwandte Spezies zu vernichten. Denn anderen Schaden zuzufügen, bedeutet auch, die Konkurrenz zu schwächen, und die Neigung zu solchem Verhalten ist mithin abhängig vom Wettbewerbsdruck. In menschlichen Gesellschaften zeigt sich das etwa bei den ‚Hexen‘-Morden im ländlichen Tansania. Der Umweltwissenschafter Edward Miguel stellte fest, dass die Zahl solcher Morde sich bei Ernteausfällen verdoppelt. Die sogenannten «Hexen» sind typischerweise ältere Frauen, die von ihren eigenen Verwandten umgebracht werden. Einerseits lastet man ihnen die Schuld an der schlechten Ernte an, anderseits wird damit ein unproduktives Familienmitglied aus dem Weg geschafft, das in Zeiten extremer Ressourcenknappheit eine Belastung darstellt.“

***

Armutsbericht 2017: Anstieg der Armut in Deutschland auf neuen Höchststand – Der Paritätische

„Die Armut in Deutschland ist auf einen neuen Höchststand von 15,7 Prozent angestiegen, so der Befund des aktuellen Armutsberichts des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, der dieses Jahr wieder unter Mitwirkung weiterer Verbände und Fachorganisationen erscheint. Nach Aussagen des Verbandes markiert dieser Höchstwert einen mehrjährigen Trend wachsender Armut. Er fordert die Politik zu einem entschlossenen Handeln in der Arbeitsmarktpolitik, beim Wohnungsbau, in der Bildung und dem Ausbau sozialer Dienstleistungen und Angebote in den Kommunen auf. Voraussetzung für eine offensive Armutsbekämpfung sei ein rigoroser Kurswechsel in der Steuer- und Finanzpolitik“

Kommentar zum Armutsbericht: Mit Vorsicht zu genießen  – Tagesschau

„Der Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands enthält erschreckende Zahlen, allerdings sind diese mit Vorsicht zu genießen. Denn die Armutsdebatte ist hierzulande vor allem eine politische Debatte.“

Armutsbericht 2017 : Wie arm sind die Deutschen? – Zeit-Online

„Trotz guter Wirtschaftsentwicklung sei die Armutsgefahr in Deutschland so groß wie nie, warnen Sozialverbände. Wer ist betroffen? Und welche Rolle spielt die Kaufkraft?“

***

Politische Positionen: Rechts ist so gut wie links – Neue Züricher Zeitung

„Wir sind die Erben dieser Traditionen, die sich in unserem Busen bekämpfen. Jeder ist in variablem Masse liberal, konservativ, progressiv – ein Adept der Unternehmensfreiheit, ein Anwalt der Welt, die er geerbt hat und die er für die nächste Generation bewahren will, ein Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. Der alte Gegensatz besteht fort, stellt jedoch nicht länger zwei unvereinbare Weltbilder einander gegenüber. Die bis zur Unkenntlichkeit verwischten einstigen Positionen haben es paradoxerweise geradezu begünstigt, dass durch die Hintertüre eine ideologiefreie Ideologie zurückkehren konnte. Als Zauberlehrling dieses Vakuums erscheint heute der Populist, der die Blässe des Gedankens mit Lautstärke wettmacht. Die grosse Stunde unserer Zeit schlägt darum da, wo ein Einzelner die Parteien überspringt, um direkt einen als monolithisch phantasierten Block namens ‚das Volk‘ anzusprechen.“

***

Essay: Das missbrauchte Geschlecht – Süddeutsche Zeitung

„Wortbildungslehren beschreiben das Ergebnis der Ableitung von Substantiven mit dem Suffix ‚er‘ aus Verben (Bäcker aus backen) als ‚Person, die die vom Verb bezeichnete Tätigkeit ausübt.‘ Von Männern ist beim Nomen Agentis nicht die Rede. Bäcker als Maskulinum bezeichnet ebenso wenig ausschließlich Männer wie Person als Femininum ausschließlich Frauen bezeichnet. So ist das im Deutschen. Es gibt hier ein Wort, das ausschließlich Frauen bezeichnet (Bäckerin), aber keins, das ausschließlich Männer bezeichnet. Frauen sind sprachlich zweimal, Männer einmal sichtbar. […] Ein sterbender Studierender stirbt beim Studieren, ein sterbender Student kann auch im Schlaf oder beim Wandern sterben.“

***

Bundestagswahl: Krieg ohne Blut – Zeit-Online

„Wenn so etwas schon lange vor der Wahl geschieht, wie wird es dann erst in den entscheidenden Wochen? In der Regierung und in den Parteizentralen, dort, wo man die Wucht der Lügen fürchtet, sind die Wahlkampfplaner weitgehend ratlos. Wie soll man sich wehren gegen Falschnachrichten, die im Gewand von Enthüllungsgeschichten daherkommen? Die sich in Höchstgeschwindigkeit im Netz verbreiten? Alle Parteien haben sogenannte Rapid Response Teams gebildet: Mitarbeiter in den Wahlkampfzentralen, die ständig die Diskussion in den sozialen Netzwerken beobachten – und notfalls schnell eigene Kommentare oder Zahlen posten. ‚Aber dem Tempo, der Wucht und der kriminellen Energie der Angreifer haben wir in Wahrheit wenig entgegenzusetzen‘, sagt ein erfahrener Wahlkämpfer. Die Dynamik des Netzes gegen die Behäbigkeit des Apparats – ein ungleicher Kampf mit deutlichen Vorteilen für den Aggressor.“

***

Trolle im Netz: Haben Sie’s gelesen? – Süddeutsche Zeitung

„Eine norwegische Webseite probiert einen neuen Weg, Pöbler aus den Kommentarspalten fernzuhalten: Wer dort seine Meinung kundtun will, muss vorher ein paar Quizfragen beantworten.“

***

Umfragen: Schulz-Effekt-Hascherei – Übermedien

„Es ist aberwitzig, wie Medienkonsumenten mit immer neuen Umfragen, Trends und Analysen zu Martin Schulz und der SPD zugeschüttet werden, seit bekannt ist, dass Schulz als SPD-Kanzlerkandidat antritt – als richte man sich an ein Publikum mit Zahlen-Fetisch.“

Demoskopenkommentar als Medienecho auf Medienechodemoskopie – Salonkolumnisten

***

Stimme aus den Banlieues: Wie Frankreichs Star der Integration jäh abstürzte – Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Auch in die letzte bedeutende Literatursendung im Fernsehen, ‚La Grande Librairie‘, wurde Mehdi Meklat eingeladen. Noch während sie lief, kam die Nachricht: Meklat, der Vorzeige-Muslim aus der Banlieue, hatte über Jahre hinweg als ‚Marcelin Deschamps‘ Hassbotschaften verbreitet. Er rief: ‚Holt Hitler, um die Juden zu töten‘. Die Journalisten von ‚Charlie Hebdo‘ beschimpfte er als ‚Hunde‘, den von den Terroristen ermordeten Charb wollte er am liebsten noch ‚mit einem Springmesser pfählen‘, Marine Le Pen ’nach muslimischem Ritual abschlachten‘ und dem ‚Hurensohn‘ Alain Finkielkraut ‚das Bein brechen‘. […] Mit seinen Tweets habe er die ‚Kehrseite der multikulturellen Utopie entlarvt‘. Er muss nun mit einer Anklage wegen Rassismus, Antisemitismus und Verherrlichung des Terrorismus rechnen. Meklat hat Frankreich verlassen und schlüpft zu seiner Verteidigung in die Opferrolle: ‚Ich bin die Zielscheibe der Faschosphäre, die mein Leben bedroht.'“

„Meklat-Affäre“: Sein Hass ist echt – Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Mehdi Meklat galt in Frankreich als Vorzeigefigur der Integration. Doch unter Pseudonym verbreitete er Tiraden gegen Juden und Homosexuelle. Seine linken Unterstützer wollen nicht wahrhaben, wes Geistes Kind er ist.“

***

Das Engelsche Gesetz und die grüne Blase – Salonkolumnisten

„Laut Wikipedia ist das Engelsche Gesetz ‚eines der am besten belegten empirischen Gesetze der Volkswirtschaftslehre‘. Das 1857 vom deutschen Statistiker Ernst Engel aufgestellte Gesetz besagt, dass der Anteil des Einkommens, der für die Ernährung aufgewendet wird, mit steigendem Einkommen sinkt. Beim armen Schlucker gehen dreißig Prozent des Einkommens für Lebensmittel drauf, beim gut situierten Akademiker hingegen nur noch fünf Prozent. Die dahinterstehende Logik ist einfach. Die Menge an Lebensmitteln, die ein Mensch zu sich nehmen kann und muss, ist nach oben und unten begrenzt. Besserverdienende können sich zwar teurere Lebensmittel – Kopi Luwak statt Melitta-Kaffee, Foie gras statt Leberwurst, Bordeaux statt Dosenbier – leisten, sie futtern aber nicht größere Mengen als ein Normalverdiener. Und selbst bei den teureren Lebensmitteln tritt schnell ein abnehmender Grenznutzen auf; den Unterschied zwischen Kopi Luwak und Melitta-Kaffee kann man noch schmecken, bei Kartoffeln zu 5, 50, 500 oder 5.000 Euro der Sack wird es schwierig.“

***

Politikwissenschaft: Auf dem Rückzug – Zeit-Omline

„Vor allem aber wünsche ich mir eine neue, mutige Generation deutscher Politikwissenschaftler, die nicht die sicheren Pfade der x-ten Anwendung einer bestimmten Theorie breittrampelt, sondern sich den großen und politisch relevanten Fragen zuwendet. Und wenn wir, die jetzige Professorenkohorte, die Jüngeren zu think big anhalten, müssen wir es auch aushalten, nicht nur hundertprozentig perfekte Ergebnisse zu bekommen. Das allerdings wäre allenthalben interessanter als die Suche nach ‚besseren‘ Statistiken, die uns dabei helfen sollen, unpolitische Epiphänomene zu beleuchten.“

***

Alltag in der DDR: Die Wochenkrippen-Kinder – Deutschlandradio Kultur

„Mitte der 50er-Jahre beginnt die Ostberliner Humboldt-Universität mit den ersten wissenschaftlichen Untersuchungen zur Entwicklung von Krippenkindern in der DDR. Leitende Ärztin ist die spätere Direktorin des Instituts für Hygiene des Kindes- und Jugendalters in Berlin, Eva Schmidt-Kolmer. Sie lässt die Entwicklung von mehr als 1.700 Kindern zwischen null und drei Jahren dokumentieren, zur Stichprobe gehören auch 440 Wochenkrippen-Kinder. Untersucht wird, wie gut sich die Kinder im Raum orientieren und bewegen können und wie weit ihr Sprachvermögen und Sozialverhalten entwickelt ist. Die Ergebnisse dieser Untersuchung offenbaren gravierende Defizite bei den Wochenkrippenkindern – in allen getesteten Bereichen.“

***

Blogreihe #5 Populismus – Soziologie Magazin

„Herzlich Willkommen beim Start unserer Blogreihe über Populismus. […] Warum Populismus? Weil es dieser Begriff ist, der im öffentlichen Diskurs wie auch in der Soziologie bei der Betrachtung des aktuellen sozialen Geschehens international verwendet wird. Beginnt man jedoch, sich damit zu befassen, erhält man wohl oft statt Antworten eher weiterführende Fragen: Wie können wir Populismus konzeptionell erfassen? Was ist das überhaupt? Ist das Wort schon zu einem ‚Kampfbegriff‘ geworden, der den Diskurs eher hemmt? Ist er (zu) normativ? Inwiefern wird er als soziologisches Analyseinstrument genutzt und ist er dafür geeignet? Können wir mithilfe eines Populismusbegriffes besser verstehen, was in vielen Wohlfahrtsstaaten derzeit passiert und inwiefern können wir hier eigentlich Länder miteinander vergleichen?“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: