Presseschau KW 19

++ Merkel und der schicke Bär ++ Wissenschaft produziert keine Fakten ++ Mit Fakten gegen jeden Zweifel ++ Die Macht der politischen Sprachbilder ++ Leitkulturdebatte: Im Wiederholungszwang ++ Die Angst vor dem politischen Islam ist da, doch singt man laut im Walde ++ Mit einem Pim Fortuyn würde die AfD triumphieren ++ Wo ist das egalitäre Internet geblieben? ++

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Bundestags-Hack: Merkel und der schicke Bär – Zeit-Online

„Wer sind die Hacker, die 2015 den Bundestag ausspionierten? Wie gingen sie vor? Und steht Deutschland ähnlich wie den USA eine Beeinflussung des Wahlkampfs durch geleakte Dokumente bevor? Vier Monate lang wertete ein ZEIT-Team Unterlagen des Bundestages aus. Die Reporter hatten ebenfalls Einsicht in teils geheime Dokumente der Sicherheitsbehörden. Sie sprachen mit betroffenen Abgeordneten und ihren Assistenten, interviewten deutsche und amerikanische IT-Experten, analysierten die Codierung der Schadsoftware und befragten Regierungsmitarbeiter. Im Internet ist die Beweisführung schwer, aber viele Spuren führen nach Russland. Ein deutscher Geheimdienstbericht macht sogar den Kreml direkt verantwortlich.“

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Diskreditierung der Wissenschaft: „Wissenschaft produziert keine Fakten“ – Deutschlandfunk

„Also gegen Esoterik ist eigentlich gar nichts zu sagen, wenn sie in solchen Bereichen stattfindet, in denen sie – ich sage das mal etwas flapsig – niemandem schadet, aber wenn das so weit geht, dass es Eltern gibt – solche Meldungen hören wir immer mehr –, die aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen, die eben nicht evidenzbasiert wissenschaftlich begründbar sind, ihre Kinder nicht impfen lassen oder sehr zweifelhafte Ernährungsvorschriften verwenden, dann muss man sagen, da müsste man als Wissenschaftler vielleicht dann schon, oder wenn nicht als Wissenschaftler, dann von der Politik her oder von der Medizin her, viel, viel offensiver tatsächlich auch zeigen, dass es einen Unterschied macht, ob man eine reine Meinung hat oder ob man Dinge auf Wissen bezieht. Dass der Alltag niemals ein vollständig wissenschaftlich aufgeklärter Alltag sein wird, das ist durchaus ein Segen, aber der Trend zu Irrationalität, den gibt es selbstverständlich, aber der ist nicht per se sozusagen ein großes Problem oder schädlich. Schädlich wird es – wenn ich so tautologisch reden darf –wenn es schädlich wird.“

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Klimawandel: Mit Fakten gegen jeden Zweifel – Zeit-Online

„Sicherlich sind noch zahlreiche Detailfragen zu beantworten. Kein Forscher behauptet, die Klimaveränderungen seien vollkommen verstanden. Im Gegenteil: In der Gedankenwelt der Naturwissenschaft ist eine Erkenntnis nie final, sondern immer ein Zustand in einem Prozess. Es wird weiter gemessen, simuliert, geprüft, belegt und widerlegt, mit immer feinerer Technik, um mit immer komplexeren Algorithmen Szenarien präziser zu zeichnen. Denn allgemein gilt: Je informierter ein Forscher, desto besorgter ist er über den Klimawandel.“

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Political Framing: Die Macht der politischen Sprachbilder – Deutschlandfunk Kultur

„Wenn ein starker Frame, also ein starker Deutungsrahmen über Sprache gesetzt wird, und wenn das wiederholt geschieht, also wenn man immer und immer wieder die gleiche Sache bedeutet, so sie auch nicht der Wahrheit entspricht, dann setzt im Gehirn ein Learning-Prozess ein, das heißt, synaptische Schaltstellen werden stärker, und etwas, das zunächst einmal Unwahrheit war, kann zunehmend zu einer Wahrheit werden. Und dann kann der Blick für die tatsächlichen Fakten mehr und mehr verloren gehen. Wie geht man dagegen an? Man geht dagegen an, indem man starke eigene Frames kommuniziert, ganz proaktiv, nicht aus der Defensive heraus, nicht die Frames zum Beispiel eines politischen Gegners oder von Falschbehauptungen aufgreift, sondern wirklich die eigene Sicht auf eine bestimmte Lage stark kommuniziert.“

Ein neues ideologisches Zeitalter: Ohne Schwarzweiß-Malerei geht gar nichts mehr – Deutschlandfunk Kultur

„Jedenfalls sind es Totschlagbegriffe. Sie haben das Ziel, Andersdenkende zu stigmatisieren. Sie haben das Ziel, Diskussionen über diskussionsbedürftige Themen zu verhindern. Wie in vergangen geglaubten schwerideologischen Zeiten. In so einer Zeit leben wir wohl wieder. Umso wichtiger ist es, auf die Vokabeln zu achten, die im ideologischen Kampf durch die Luft fliegen.“

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Leitkulturdebatte: Armin Nassehi – Im Wiederholungszwang – Zeit-Online

„Demonstriert hat der Wiedergang der Debatte aber nur, auf welchem Niveau wir Einwanderungs- und Integrationsdebatten führen. Es ist eine Kombination aus Überschätzung und Unterschätzung der Probleme. Überschätzt wird die Differenz zwischen den Fremden und uns, deren Lebenspraxis zum allergrößten Teil langweiliger ist, als es die etwas verdrucksten Regeln annehmen lassen. Unterschätzt wird, dass es mit manchen Gruppen tatsächlich erhebliche Probleme gibt, die man aber mit einem seichten Katalog alltäglicher Selbstverständlichkeiten nicht wird lösen können. Letztlich geht es hier nur um die Selbstberuhigung jener, die kaum darin geübt sind, sich mit den empirischen Problemen von Einwanderung wirklich auseinanderzusetzen – und solche Probleme gibt es zuhauf. Diese kann man auch mit einer pluralistischeren und weniger konservativen Variante einer Leitkultur nicht wegreden.“

Armin Nassehi: Minarette in Oberbayern – Zeit-Online (2010)

„Aber für die empirische Einwanderungsrealität selbst scheint sich niemand zu interessieren. Über diese eine Debatte zu führen wäre spannend. Sie böte auch einen Blick auf uns selbst, auf eine gesellschaftliche Realität, die ebenso unspektakulär erfolgreich wie unspektakulär gescheitert ist, eben ganz so, wie sich Lebensverläufe in der modernen Gesellschaft nun mal darstellen. Mit Bekenntnissen zu einer ‚Leitkultur‘, welcher Couleur auch immer, hat das wenig zu tun. Dass wir aus dem Kulturgerede nicht herauskommen, das scheint exakt jene Leitkultur zu sein, die vielleicht das ‚Deutsche‘ daran ausmacht.“

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Rüdiger Safranski: „Die Angst vor dem politischen Islam ist da, doch singt man laut im Walde“ – Neue Züricher Zeitung

„Nun, viele schreiben nicht, was sie denken, weil sie glauben, dass solche Gedanken die Situation verschlimmern könnten. Sie schreiben das, wovon sie gerne hätten, dass es wahr wäre – das ist in ihren Augen ihr genuiner Beitrag zu einem zivilen Zusammenleben. Und das mag ja auch alles sehr gut gemeint sein. Aber Pädagogik statt Publizistik – das geht auf die Dauer nicht gut, die Leser sind ja nicht blöd.“

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„Mit einem Pim Fortuyn würde die AfD triumphieren“ – Welt

„Der Mord erschütterte das Land: Am 6. Mai 2002 wurde Pim Fortuyn auf einem Parkplatz im niederländischen Hilversum von einem verwirrten Linksextremisten erschossen. Der Politiker war wenige Monate zuvor wie aus dem Nichts zum Star der niederländischen Politik aufgestiegen. Er sagte für Europa einen Krieg der Werte gegen den Islam vorher, wollte die Grenzen für Muslime schließen und sah in den Umfragen schon wie der neue Ministerpräsident aus. Bei der Parlamentswahl neun Tage nach dem Mord wurde seine frisch gegründete Partei Lijst Pim Fortuyn (LPF) mit dem toten Anführer als Spitzenkandidat auf Anhieb zweitstärkste Kraft und trat in die Regierungskoalition ein, die aber schon nach 87 Tagen zerbrach. Der Rechtspopulismus war damit nicht am Ende. Wenig später begann der Aufstieg von Geert Wilders.“

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Machtsphäre Silicon Valley: Wo ist das egalitäre Internet geblieben? – Neue Züricher Zeitung

„Doch vielleicht würde man beim Nachdenken über die Zukunftsentwürfe der Vordenker aus dem Valley erkennen, dass sie bereits Patina angesetzt haben, sich in ihnen nur die kybernetischen Steuerungsträume der Vergangenheit spiegeln – man denke an Stafford Beers Projekt CyberSyn oder Karl Deutschs Vision eines feedbacklogisch organisierten Staates. Viele digital-politische Ideen der Gegenwart erschienen in einer solchen Optik weniger innovativ denn repetitiv. Vielleicht käme es, da das Internet in Zeiten von Zuckerberg und Co. seinen emanzipatorischen, basisdemokratischen Nimbus längst eingebüsst hat, darauf an, manchen Feedbackloop als Zirkelschluss, den Solutionismus als ideologisch und arg unterkomplex zu entlarven. The revolution will not be fabricated.“

Apokalypse jetzt: Sollen wir uns vor Robotern sorgen? – derStandart

Sie werden unsere Gesellschaft auf den Kopf stellen und unser Dasein verändern. So viel ist sicher. Aber wird die von Robotern gestaltete Zukunft von Konflikten oder von Kooperation geprägt sein?“

Die Angst vor künstlicher Intelligenz ist Hollywood-Stoff – Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Viele Menschen fürchten sich davor, dass Automaten menschliche Funktionen übernehmen – nicht so der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow. Im Interview spricht er lieber über die ‚Zivilisationsgeschichte‘.“

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