Presseschau KW 21

++ Senkt die Mehrwertsteuer! ++ Der Schulz-Effekt-Defekt ++ Wie die Digitalisierung die Vernunft tötet ++ Der Oberlehrer ++ Der mediale Overkill spielt den Terroristen in die Hände ++ Wie aus einem Drehbuch ++ Ist die Weimarer Republik an den vielen Parteien gescheitert? ++ Ohne Geld kein Mandat? ++ Im Echoraum mit Gleichgesinnten ++ Zur Gefahr russischer Desinformation im Bundestagswahljahr ++ Wie deutsche Verlage mit ihrer NS-Geschichte umgehen ++ Flüchtlinge in der Türkei ++ Einmal Elend und zurück ++ Vollbezahlt und überversorgt ++ Die FDP will sich nicht mehr in den Staub werfen ++ Hybrider Populismus ++ Der Föderalismus wird kaputt gemacht ++ Gebietsreformen: Neuer deutscher Größenwahn ++ Zum Niedergang der Piratenpartei ++ Warum Falschmeldungen im Netz funktionieren ++ Klassentreffen ++ Ist die Politikwissenschaft irrelevant? ++ Die Linke macht den Menschen wieder zum Gefangenen seines Standes ++ Hetzer, Idioten und Dumpfbacken ++ Alles Lüge oder was? ++

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Senkt die Mehrwertsteuer! – Zeit-Online

„Vor allem Menschen im unteren Viertel der Einkommensverteilung erfahren eine degressive Besteuerung – für sie geht ein geringeres Einkommen mit einer prozentual höheren Besteuerung einher.Würden die Einkommensteuersätze verändert, könnte man damit die Menschen mit geringen Einkommen nicht entlasten, denn sie zahlen kaum oder keine Einkommensteuer. Ein Absenken der Mehrwertsteuer oder anderer indirekter Steuern, wie der EEG-Umlage, wäre hier der bessere Ansatz. Für Menschen mit mittleren Einkommen würde eine Reduzierung der relativ hohen Sozialbeiträge helfen, wogegen Menschen mit hohen Einkommen am ehesten von einer geringeren Einkommen- und Unternehmensbesteuerung profitieren würden. Es gibt keine überzeugenden Anzeichen, dass das deutsche Steuersystem für die Mehrheit der Deutschen besonders ungleich ist – mit der wichtigen Ausnahme der 25 Prozent der Geringverdiener. Sie werden steuerlich relativ stark belastet. Aber diese Botschaft hört keine der politischen Parteien gerne, da sie schwer in Einklang mit der von vielen praktizierten Klientelpolitik zu bringen ist.“

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Der Schulz-Effekt-Defekt – Übermedien

„Nachdem die SPD vergangenes Wochenende die dritte Landtagswahl in Folge verloren hat, arbeiten sich Journalisten am SPD-Kanzlerkandidaten ab – mit teilweise eigenartigen Vorwürfen. Sie höhnen über den Schulz-Effekt und über die mediale Abwesenheit des Kandidaten. Manche wissen auch schon, wer Kanzler wird. Aber welche Rolle spielen dabei eigentlich die Journalisten selbst? […] Nachdem Donald Trump gewählt wurde, sorgten sich Journalisten und Politiker darum, wie man die kleinen Leute wieder gewinnen könne, die so genannten Abgehängten. Und nur wenige Monate später grinsen Journalisten über Martin Schulz, weil der läppische Dorf-Termine wahrnimmt, statt in Berlin für Promi-Fotos zu posieren.“

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Philosoph Achille Mbembe: Wie die Digitalisierung die Vernunft tötet – Deutschlandfunk Kultur

„Aber jede Annahme, wir könnten in ein vorelektronisches Zeitalter zurückgehen, ist irreführend und führt sich selbst ad absurdum. Wir können und wir brauchen tatsächlich eine Neubelebung des kritischen Geistes, eine Kritik, die wichtiger ist heute, als sie es je zuvor war, damit wir Vernunft stärken können, die Unterscheidungsgabe. Und aus diesem Grunde müssen die gesamten humanistischen Fächer gestärkt werden. Das, was von der Aufklärung noch nicht abgegolten ist, muss umgesetzt werden. Wir brauchen eine Fortsetzung des Projekts der Aufklärung. Dieses ist geradezu grundlegend für unsere Überlebensmöglichkeiten.“

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Der Oberlehrer – Jüdische Allgemeine

„Oder die Friedens-Oberlehrer: Für die Ostermarschierer war Israel in ihrem diesjährigen Marschaufruf ein ‚autoritäres und reaktionäres Regime‘, in einem Atemzug mit der Türkei, Saudi-Arabien und Katar. Natürlich wissen sie, dass Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten ist, aber im Iran werde schließlich auch gewählt, halten sie entgegen. Hinrichtungen, Verhaftungen, Folter, alles wie in Israel? Das natürlich nicht, heißt es dann gönnerhaft, während der Mund zu Hinrichtungen in Gaza oder Schwulenverfolgung im Westjordanland eisern verschlossen bleibt. Oder ‚Pax Christi‘. Die Organisation mit dem ‚Frieden‘ als Markenkern tourt gegenwärtig mit einer Ausstellung gegen den Unterdrückerstaat Israel durch die Lande. Mauer Museum Bethlehem heißt die Propagandaschau, präsentiert im Kreuzgang des Essener Domes. Auf 15 wetterfesten Tafeln wird das Leid der Palästinenser beklagt, die sich aber durch ihr ‚Durchhaltevermögen, ihre Menschlichkeit und manchmal ihren Humor‘ nicht unterkriegen lassen, wie es in der Ausstellung heißt. Für die Auflistung der Mordanschläge auf die israelische Zivilbevölkerung haben die Pappen nicht mehr gereicht.“

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„Der mediale Overkill spielt den Terroristen in die Hände“ – Tages-Anzeiger

„Wir diskutieren intern schon länger über unsere Berichterstattung zu Terroranschlägen. Der mediale Overkill in den westlichen Medien, an dem auch SRF beteiligt ist, spielt den Terroristen letztlich in die Hände. Dem wollten wir etwas entgegensetzen. Einen ersten bewussten Entscheid fällten wir schon letzten Sommer, nämlich die Namen und Bilder von Attentätern nicht mehr zu publizieren. Der ‚Tages-Anzeiger‘ und zuvor die Zeitung ‚Le Monde‘ gingen uns da ja mit gutem Beispiel voran. Den ‚Heldenstatus‘ erreichen die Täter nur, wenn die Medien mitmachen und ihre Namen und ihre Gesichter in die Welt tragen. […] Gar nicht mehr berichten hiesse jedoch, vor dem Terror zu kapitulieren, auch wenn ihm damit die Aufmerksamkeit, also sein Lebenselixier, ein Stück weit entzogen würde. Das ist ein Dilemma, dessen wir uns bewusst sind. […] Niemanden lassen diese Anschläge kalt. Und doch muss es uns gelingen, unsere Berichterstattung so wenig wie möglich emotional aufzuladen und so intelligent und differenziert wie möglich Hintergründe und Erklärungen zu liefern. Fünf Stunden nach einem Attentat ist nichts davon möglich. Doch erreichen Terroristen ihr Ziel, Angst und Schrecken mithilfe der TV-Bilder unmittelbar zu verstärken.“

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Armin Nassehi: Wie aus einem Drehbuch – taz

„Vor einiger Zeit hat es eine krokodilstränenreiche Debatte darüber gegeben, das linksliberale Milieu sei schuldig daran, dass die Kleinbürger ins falsche Denken abdriften – man habe sie nicht ernst genommen. Als müsse man es den Dummen einmal richtig erklären, damit sie endlich wollen, was sie sollen! Das ist Unsinn. Dieser paternalistische Diskursstil bestätigt nur meine Diagnose, das Konfliktsystem gar nicht erst verstanden zu haben, in dem wir uns befinden. […] Die einen blenden die Komplexität der Welt aus, weil sie sich übersichtliche Gärten imaginieren wollen, in denen alles seinen Platz hat, Männer richtige Männer sind, Frauen möglichst nicht, und die kulturelle Differenz parallel zu räumlicher Differenz gestaltet sein soll. Die anderen können sich nicht vorstellen, dass ihre normativen Vorstellungen nicht von allen geteilt werden und sich nicht einfach wie ein Text auf einem weißen Blatt Papier platzieren lassen. Beide verfehlen die Komplexität dieser Welt, die alles kennt, nur keine Gesamtvernunft – weder eine ethnisch-kulturelle noch eine moralisch-pluralistische.“

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Weimarer Verhältnisse: Ist die Weimarer Republik an den vielen Parteien gescheitert? – Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Haushaltssanierung ist also alles andere als ein Selbstzweck, vielmehr ermöglicht sie einem finanziell stabilen Staat in schweren wirtschaftlichen Krisen die notwendige soziale Abfederung. Gelingt das nicht, dann erodieren selbst scheinbar gefestigte Parteiensysteme, wie die Wahlen am Ende der Weimarer Republik sowie in hochverschuldeten Staaten in den vergangenen Jahren demonstrieren – dann schlägt die Stunde der Populisten, die vorgeben, einfache Lösungen für komplexe Probleme zu haben. Aus der Geschichte der Weimarer Republik kennen wir transnationale Radikalisierungen, die buchstäblich in andere Staaten überschwappen. Insofern ist die Krise der parlamentarischen Demokratien im Europa der Zwischenkriegszeit ein Menetekel. Angesichts der engen europäischen Verflechtung ist das ständige Anwachsen nationalpopulistischer, gelegentlich auch linkspopulistischer Bewegungen in anderen EU-Mitgliedstaaten bedrohlich auch für die stabilen Demokratien: Inseln der Seligen lassen sich kaum bewahren, wenn benachbarte Demokratien gefährdet sind oder gar einstürzen.“

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Ohne Geld kein Mandat? Die teure Mitgift der Bundestagskandidaten – Monitor

„Tim Spier, Politikwissenschaftler Universität Siegen: ‚Historisch betrachtet ist die Parteienfinanzierung im Kern eigentlich auch eine Wahlkampfkostenerstattung. Insofern kann man schon von den Parteien erwarten, dass sie für die Kosten, die ihren Kandidaten im Wahlkampf entstehen, aufkommen.‘ Monitor hat in den Parteizentralen angefragt, warum von Kandidaten eine so hohe Eigenfinanzierung ihres Wahlkampfes erwartet wird. Die Unionsparteien wollten dazu kein Statement abgeben. Von der SPD heißt es, zu Studien, die man nicht kenne, äußere man sich nicht. Generell aber sei für die Finanzierung von Wahlkämpfen die Partei zuständig. Klingt gut, doch die Realität, die sieht bei den Parteien anders aus. Die Investition von Björn Franken jedenfalls hat sich vermutlich gelohnt: Seinen Wahlkreis in NRW hat er gewonnen. Für Olaf Mangold, der seinen Wahlkreis vor vier Jahren verloren hat, kam eine Kandidatur bei der diesjährigen Bundestagswahl nicht in Frage. Zu groß der Zeitaufwand, zu teuer der Wahlkampf. Und Barbara Roth begnügt sich mit Lokalpolitik. Sie glaubt, dass eine Kandidatur für ein Landtagsmandat für sie auch in Zukunft nicht möglich sein wird – und das allein des Geldes wegen.“

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Über Eliten (3/4): Im Echoraum mit Gleichgesinnten – Deutschlandfunk

„Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann schließt sich dem Lob der Elite nicht an, das im Bildungsbereich schon lange en vogue ist. Das aktuelle Verständnis von Elite sei ‚aus dem neoliberalen Geist des Wettbewerbs‘ geboren und habe der Elite, obwohl sie vielfach versagt habe, eine falsche Aura verliehen. Heutige Eliten gäben sich zwar liberal und fortschrittlich, stünden dem Volk, für das sie einzutreten versprechen, aber misstrauisch gegenüber und praktizierten eine Art aufgeklärten Absolutismus. Abgeschottet in einem Echoraum mit Gleichgesinnten hätten sie vergessen, wie es draußen zugeht.“

Über Eliten (1/4): Wie Rousseau Trump vorhersagte – Deutschlandfunk

Über Eliten (2/4): Verzagte Geister – Deutschlandfunk

Über Eliten (4/4): Fatal Attraction – Silicon Valley trifft Donald Trump – Deutschlandfunk

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Informationskrieg in Deutschland? Zur Gefahr russischer Desinformation im Bundestagswahljahr – Aus Politik und Zeitgeschichte

„Angesichts solcher Bedrohungsanalysen bleibt aber unverständlich, weshalb bislang nicht mehr unternommen wurde, um die bekannten Sicherheitslücken zu schließen. Nach Informationen von NDR und ‚Süddeutscher Zeitung‘ geht aus einem aktuellen Geheimbericht hervor, dass die IT-Infrastruktur des Deutschen Bundestages noch immer nicht ausreichend gegen Hacker gesichert ist. Die über 100 Seiten umfassende Analyse, die von der Bundestagsverwaltung in Auftrag gegeben wurde, listet zahlreiche Mängel auf, die es Hackern erleichtern dürften, erneut in das Parlamentsnetzwerk einzudringen. […] Die sichtbarsten Instrumente russischer Staatspropaganda in Deutschland sind die deutschsprachigen Medienangebote ‚RT Deutsch‘ und ‚Sputnik Deutschland‘ sowie die als PR-Publikation gestaltete Zeitungsbeilage ‚Russia Beyond the Headlines‘, die alle aus Moskau staatlich finanziert werden. Ihr Auftauchen auf dem deutschen Markt ab 2013 war Teil einer Medienoffensive des Kremls, die im Rahmen einer neuen Soft-power-Strategie eigentlich darauf abzielte, das Image Russlands international zu verbessern und die Sicht der russischen Regierung auf bestimmte Ereignisse stärker in die Welt zu tragen.“

 Russland und Deutschland – Aus Politik und Zeitgeschichte

„Deutschland und Russland verbindet eine lange und wechselvolle Geschichte. Gegenseitige Bewunderung und Abneigung, Idealisierung und Dämonisierung spielten darin immer eine Rolle, und das häufig zugleich und nebeneinander. Auf offizieller staatlicher Ebene hat sich das deutsch-russische Verhältnis in den vergangenen Jahren deutlich abgekühlt: Spätestens seit der Annexion der Krim durch Russland im März 2014 und dem Krieg in der Ostukraine gilt es als gestört. Beim Gipfel zwischen Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang Mai 2017 in Sotschi wurde es schon als Erfolg gewertet, dass man überhaupt miteinander spricht.“

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Der milde Blick: Wie deutsche Verlage mit ihrer NS-Geschichte umgehen – Deutschlandfunk Kultur

„Nach 1945 wollte keiner der deutschen Verleger Bücher für Hitler produziert haben. Bis heute tun sich viele Verlage schwer mit der NS-Verstrickung ihrer Gründerväter. Erst seit der Jahrtausendwende wird das unliebsame Erbe in nennenswertem Umfang aufgearbeitet – von manchen. Viele deutsche Verleger waren sich nach 1945 keiner Schuld bewusst. Wie die Gesellschaft auch, machten sie weiter, als sei nichts gewesen, als hätten sie nicht auch in den Jahren zuvor Bücher verlegt, teilweise sehr erfolgreich und profitabel.“

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Flüchtlinge in der Türkei: Gäste, die bleiben – Berliner Zeitung

„Derzeit sind nach Regierungsangaben 2,56 Millionen Syrer offiziell in der Türkei registriert, was ihnen den Zugang zu kostenloser medizinischer Versorgung sichert. Im Land leben außerdem rund eine halbe Million Migranten anderer Nationalitäten wie Iraker, Iraner oder Afghanen. Die Aufnahme der Flüchtlinge hat nach Angaben Erdogans bisher rund zehn Milliarden Dollar gekostet. Nennenswerte Hilfe aus dem Ausland gab es nicht. Trotz weit geringerer Wirtschaftsleistung hat die Türkei damit mehr Flüchtlinge als ganz Europa aufgenommen und ist laut den Vereinten Nationen in absoluten Zahlen ‚Weltmeister der Flüchtlingshilfe‘.“

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Obdachlos in Berlin: Einmal Elend und zurück – Hannoversche Allgemeine Zeitung

„In diesem Moment trifft Udo seine Entscheidung: Dann eben nicht. Drei Jahre sind es noch, bis die Versicherung fällig wird. Drei Jahre ohne Geld vom Staat. Zum Arbeiten fühlt er sich nach der langen Therapie noch nicht wieder in der Lage. Also drei Jahre ohne alles. Die Wohnung wird er kündigen müssen. Bei Freunden bleiben und dann, wenn jede Gastfreundschaft aufgebraucht ist, auf die Straße. ‚Jetzt schaffe ich das noch auf der Straße. Mit 70 nicht mehr.‘ Und sein Traum würde nicht zerstört werden, der Traum von einer kleinen Wohnung in Mecklenburg, mit genug Geld zum Leben und genug Zeit zum Malen. Das würde danach kommen. Nach der Straße.“

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Vollbezahlt und überversorgt – Telepolis

„Der Wähler möchte vor der Wahl wissen, was mit seiner Stimme geschieht, schließlich vergibt er jene aus guten Gründen: er will, dass die Partei das umsetzt, was sie im Wahlprogramm ankündigt, ja wofür sie steht. Tritt dieselbe Partei allerdings nach der Wahl als Juniorpartner in eine Koalition ein, besteht für sie keinerlei Chance mehr, ihre Kernpunkte umzusetzen. Der Wähler hat mit seiner Stimme also eine Regierung ermöglicht, die womöglich das Gegenteil dessen tut, was er will. […] Hans Herbert von Arnim: Wenn eine Koalition erst nach der Wahl und hinter dem Rücken der Wähler ausgekungelt wird, verliert der Wähler an Einfluss – und eigentlich abgewählte Parteien können sich mit neuem Koalitionspartner vielleicht doch an der Regierung halten. Sehr demokratisch ist das nicht. Früher, als es noch Lagerwahlkämpfe gab, wusste der Wähler vorher, welche Politikrichtung und -konstellation er mit seiner Stimme stützt.“

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Koalitionen mit CDU: Die FDP will sich nicht mehr in den Staub werfen – Welt

„Schon 2014 legte die Partei ihre Positionierung im Parteiensystem fest: Größtmögliche Distanz gegenüber Linken und AfD an den Rändern plus klare inhaltliche Unterscheidbarkeit von Union, SPD und Grünen in der politischen Mitte. Die dafür bestimmenden Merkmale lauten: Optimismus, Fortschritt, Individualismus statt Pessimismus, Bewahrung, Kollektivismus. Das klingt abstrakt. Doch eine jüngst vom Institut für Demoskopie Allensbach erstellte Studie bestätigte der FDP, dass die Partei die dazu passenden Themen anbietet: wirtschaftliche Stärke, beste Bildung, starker Rechtsstaat. Ob neue Wähler nun von SPD, CDU, Grünen oder Nichtwählern kommen – diese Inhalte sind ihnen wichtig. Mit wem sie durchgesetzt werden, ist dann eine zweitrangige Frage.“

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„Hybrider Populismus“: Wie rechts ist links? – Carta

„Und wieder überholt die Realität den politischen Diskursraum. Die entstandene Mischform von Rechts- und Linkspopulismus, das politische „Sowohl-als-auch“ hat einen Namen: „Hybrider Populismus“. Der zusammengesetzte Terminus ermöglicht es, die Entwicklung des Populismus als Prozess zu beschreiben und dessen Bedeutungsumfang zu erweitern. Eine Annäherung an einen neuen Begriff.“

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Länderfinanzausgleich: Der Föderalismus wird kaputt gemacht – Süddeutsche Zeitung

„In diesem neuen Finanzsystem ist sich jeder selbst der Nächste – jedes einzelne Bundesland und der Bund auch. Jeder denkt an sich, niemand an alle. Das Solidaritätsprinzip zwischen den Bundesländern, das ein Kern des Föderalismus in Deutschland war und das ein Vorbild für Europa hätte sein können – es existiert nicht mehr. Die Länder in ihrer Gesamtheit, der Föderalismus also, geraten in noch stärkere Abhängigkeit vom Bund als bisher. Das Bund-Länder-Verhältnis ist damit völlig außer Balance. Diese Reform ist ein sehr schlechtes Geschenk zum Grundgesetz-Geburtstag am 23. Mai. Der Föderalismus der neuen Art ist wie eine geplatzte Weißwurst; das viele Geld des Bundes wird darüber geschmiert wie eine Ladung Senf, die das verdecken soll. Der Föderalismus braucht ganz andere Reformen. Der politische Föderalismus, ernst genommen, ist ein anderes Wort für Bürgernähe. In Gesetz und Praxis wird er immer bürgerferner.“

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Gebietsreformen: Neuer deutscher Größenwahn – Zeit-Online

„Ein weiteres ‚Desaster‘, sagt Rösel, werde von einer Studie in Mecklenburg-Vorpommern verdeutlicht: Dort seien die Kreistagsmitglieder der neuen Großkreise ‚massiv überlastet‘ mit ihrer Zuständigkeit für riesige Flächen. Die Frustration wachse. Wo Frustration wächst, werfen Ehrenamtliche hin. Aber eine Gruppe fange die Unzufriedenheit in solchen Gegenden auf. Wer? ‚Populisten‘, sagt Rösel. Wer Bürgern die lokale Identität nehme, sorge dafür, dass sie sich nach einer stärkeren nationalen Identität sehnten. Das alles habe man vor zehn Jahren noch nicht absehen können. ‚Aber jetzt könnte man schlauer sein.'“

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Zum Niedergang der Piratenpartei – Sozialtheoristen

„Parteien entstehen in den meisten Fällen aus politischen Bewegungen heraus. Die ursprüngliche Attraktivität dieser politischen Bewegungen – ob sie sich nun für Umweltschutz, Weltfrieden, Frauenrechte, Netzpolitik, christlichen Fundamentalismus oder völkische Homogenität einsetzen – liegt in den Möglichkeiten, sich vergleichsweise unkompliziert für eine „gute Sache“ zu engagieren. Relativ schnell durchlaufen politische Bewegungen jedoch einen Prozess der „Verorganisierung“. Es werden Bürgerinitiativen gegründet, Dachverbände gebildet und Parteien ins Leben gerufen. Man wird in Machtkämpfe hineingezogen, bekommt es mit sich verkrustenden Strukturen zu tun, und das Interesse an der Sache wird immer mehr durch ein Interesse an politischer Karriere, öffentlicher Aufmerksamkeit und finanziellen Nebenverdiensten überlagert.“

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Interview mit Cyberpsychologin: Warum Falschmeldungen im Netz funktionieren – Tagesschau

„Wir müssen verstehen, dass wir Wahrnehmungsfehler machen, dass wir manipulationsfähig sind, dass unsere Aufmerksamkeit deshalb auf bestimmte Dinge gelenkt wird und wir sie glauben. Wir müssen eine stärkere Kritikfähigkeit entwickeln und uns auch mehr Zeit geben. Schnelles Reagieren führt zu vielen Fehlern. Man sollte Nachrichten nicht einfach weiterposten, über die man nicht genug nachgedacht hat. Wir müssen ein digitales Bewusstsein entwickeln.“

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Didier Eribon: Klassentreffen – Neue Züricher Zeitung

„Wo man im Buch noch die zwiebelschichtige Struktur der Selbstreflexionen bewunderte, klingt live vieles trivial: Die Machthaber werden stets durch die Macht selbst verändert. Der Geist vom Mai 1968 sollte lebendig bleiben. Die auch von Michel Foucault gepriesenen Subkulturen bieten noch immer die Chance, sich selbst zu entdecken. Auch die Arbeit kleiner, emanzipatorischer Bewegungen sei nicht bedeutungslos. Ach ja… Erst bei der Analyse der Frankreichwahl wird Eribon scharf, hat er diese doch schon ausgiebig durch deutsche Zeitungen und Hörsäle getragen. Er charakterisiert Macron als technokratischen Rechten und benennt den Teufelskreis: Man sei fast gezwungen, diejenigen zu wählen, die erst für das Erstarken des Front National verantwortlich wären. Ein düsteres Bild, das Eribon malt, das die Linke aber umso hilfloser erscheinen lässt.“

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Einfluss auf Debatten: Ist die Politikwissenschaft irrelevant? – Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Der Vorwurf der Granden des Faches: Die großen Debatten geraten im Kampf der Jungen um Drittmittel aus dem Blick. Drei junge Professoren setzen zur Verteidigung an.“

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Meinungsfreiheit: „Die Linke macht den Menschen wieder zum Gefangenen seines Standes“ – Neue Züricher Zeitung

„Die Aufklärung hat uns darüber belehrt, dass Argumente unabhängig von der Person gelten sollen. Die Linke hat sich von dieser Errungenschaft freien Denkens verabschiedet. Sie hat den Menschen wieder zum Gefangenen seines Stammes, seines Standes, seiner ethnischen und religiösen Zugehörigkeit gemacht. In dieser Wirklichkeit kann man Prestigegewinne erzielen, wenn man sich auf Herkunft und Kultur beruft. Recht hat nicht, wer das bessere Argument auf seiner Seite hat, sondern wer belegen kann, einer diskriminierten Opfergruppe anzugehören. Dieser Verlockung können nur wenige Menschen widerstehen. Inzwischen empfinden sich auch jene, die von den Eliten als ‚white trash‘ bezeichnet werden, als Opfer. Und sie haben Erfolg damit, wie die Wahlen in den USA gezeigt haben.“

Jörg Baberowski: Diese radikalen Studenten – Zeit-Online

„Im Streit um den Historiker Jörg Baberowski spiegelt sich die Geschichte der Bundesrepublik. Über die erstaunliche Begegnung mit einem Gejagten.“

HU-Historiker Jörg Baberowski: Der Professor als wütender Bürger – Der Tagesspiegel

„Jörg Baberowski, Historiker an der Berliner Humboldt-Uni, wird von links massiv kritisiert. Was ist dran am Vorwurf, er sei rechtsradikal? Eine Analyse.“

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Journalismus im Kampfmodus: Hetzer, Idioten und Dumpfbacken – Neue Züricher Zeitung

„Die dabei benutzten Begriffe sind von analytischer Unschärfe. Vor allem der gern benutzte Rassismusvorwurf ist heute aufs Niveau einer grobschlächtigen Kampfvokabel heruntergekommen. So erklärte jüngst in der ‚TAZ‘ eine Autorin: ‚Rassistische Bürger meinen, sie hätten aufgrund des Zufalls, der ihnen per Geburtsort einen privilegierten Pass beschert hat, mehr Rechte auf ein Leben in Frieden als andere.‘ Hier und auch im ‚Kursbuch 183‘ (Thema: Wohin flüchten?) tönt eine Utopie an, die grenzenlose Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit für alle und jeden als neuen menschenrechtlichen Standard fordert. Darüber kann man politisch streiten. Man kann aber kaum den Widerstand gegen solche Extrempositionen als rassistisch kriminalisieren.“

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Umgang mit Statistiken: Alles Lüge oder was? – Tagesschau

„Statistiken haben für viele den Nimbus der Exaktheit und Neutralität. Andere halten sich an den Spruch, dass sie keiner Statistik glauben, die sie nicht selbst gefälscht haben. Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte. […] Die Realität ist komplex – und zumeist reicht es nicht, lediglich zwei Faktoren zu betrachten. So ging laut einer Erhebung der Verkauf von heißem Kakao in einem Strandcafé zurück, wenn die Zahl der Besucher steigt. Paradox? Nur auf den ersten Blick. Der ‚unsichtbare‘ dritte Faktor ist das Wetter: Je wärmer und trockener es ist, umso mehr Menschen gehen an den Strand und besuchen das Café – und umso weniger von ihnen haben aber Lust, eine heiße Schokolade zu trinken.“

Flüchtlinge, Arbeitslose, Reiche Die Zahlentricks der Statistiker – Berliner Zeitung

„Zahlen wirken neutral. Sie sind Fakten pur, eindeutig. Damit sind Statistiken Material, Waffen im Kampf um Geld und Macht. Politiker, Unternehmen, Verbände benutzen sie, um ihre Interessen zu befördern – und zu diesem Zweck werden die Statistiken bearbeitet, verdreht, geschönt.“

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