Antrag der Gruppe Linke/Piraten: Inhaltliche Ergänzungen und Veränderungen in der Ausstellung des „Bürger Museums“ in der ehemaligen Jahnturnhalle

Beschluss: Der Kulturausschuss bittet die Museumsleitung folgende Veränderungen bzw. Ergänzungen der derzeit laufenden Ausstellung vorzunehmen:

  1. Der Schaukasten in dem der Reisepass der Familie Kirchheimer gemeinsam mit Dokumenten deutscher Ostflüchtlinge/Umsiedler ausgestellt wird, wird aufgelöst. Dokumente zur rassischen Verfolgung im deutschen Faschismus und zur Flucht und Umsiedlung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten werden getrennt ausgestellt. Die konkrete Ausgestaltung obliegt der Museumsleitung.
  2. Der 1933 ermordete Kommunist und Widerstandskämpfer Fritz Fischer erhält genau wie der deutschnationale Lehrer Walter Schrader eine Tafel mit Bild im selben Bereich. Eine Tafel mit einem kurzen Abriss über Fischers Wirken und Leben wird ebenfalls angebracht. Ein Textvorschlag befindet sich im Anhang.
  3. Im Bereich zu den Vereinen wird eine Informationstafel zu Samuel Spier angebracht, der als Lehrer maßgeblich an der Begründung der deutschen Sozialdemokratie beteiligt war. Informationen zum Leben und Wirken Samuel Spiers finden sich ausführlich auf http://www.wikipedia.de (Artikel: „Samuel Spier“). Dort findet sich ein umfangreiches Quellenverzeichnis.
  4. Der Titel des Teils zu Nachkriegszeit wird geändert. Er lautet künftig „Kontinuitäten und Neuanfänge“.
  5. Das Objekt zur Visualisierung der Konditorenschule Lambrecht wird um den Hinweis ergänzt, dass der Bruder des Schulgründers in den dreißiger Jahren das Café betrieb, in dem der Mord an verschiedenen Widerstandskämpfern aus der Arbeiterbewegung im Juli 1933 geplant wurde. Cafébetreiber Lambrecht war ein glühender Nationalsozialist.

Begründung: Von verschiedenen Mitgliedern des Ausschusses, interessierten Bürgern und politischen Parteien war in den letzten Wochen vermehrt Kritik an bestimmten Inhalten des Bürger Museums zu vernehmen. Grob umrissen ergaben sich dabei zwei Hauptkritikpunkte. Zum einen wurde bemängelt, dass die Geschichte der Arbeiterbewegung, ja überhaupt die Darstellung des Lebens einfacher Menschen, zu kurz komme, zum anderen wurde insbesondere die Darstellung der Zeit des Nationalsozialismus als nicht rundum gelungen empfunden. Dieser Antrag soll ein Beitrag zu einem konstruktiven Umgang mit der Kritik sein und die Funktion des Ausschusses als beratendes Gremium praktisch machen. Alle Maßnahmen sind relativ schnell umsetzbar und erweitern bzw. verbessern an sensiblen Punkten die Ausstellung. Zu den vorgeschlagenen Änderungen im Einzelnen:

Zu 1.: Durch die gemeinsame Ausstellung von Dokumenten zur Flucht aus den ehemaligen Ostgebieten und Dokumenten zur Flucht von jüdischen Wolfenbüttelern vor rassischer Verfolgung in einem Schaukasten, kann der Eindruck entstehen, man setze die Fluchtgründe gleich. Die Flucht nach einem verlorenen räuberischen Angriffskrieg darf aber die Singularität der Shoa nicht relativieren. Nie sonst wurden Menschen in einem solchen Maß kategorisch verfolgt und industriell vernichtet und dies allein aufgrund rassistischen Denkens. Eine Trennung in verschiedene Bereiche ist einfach umzusetzen und behebt diesen falschen Eindruck.

Zu 2.: Fritz Fischer als prominentester der 15 Mitglieder der KPD, die im Juli 1933 von der SA gefangengenommen und ermordet oder bis in die Invalidität gefoltert wurden, sollte mindestens die gleiche Ehre wie dem deutschnationalen und radikalchristlichen Werner Schrader wiederfahren. Fritz Fischer hat in unserer Stadt eine Straße und einen Stolperstein bekommen. Seine Erwähnung ist eigentlich obligatorisch.

Zu 3.: Samuel Spier als Lehrer an der jüdischen Samson-Schule und früher Sozialdemokrat wäre ein ausgleichendes Gegenwicht zur der dominierenden Darstellung prominenter bürgerlicher Wolfenbütteler aus dem 19. Jahrhundert und würde die Ausstellung etwas „bunter“ und ausgeglichener machen. Spier lebte immerhin von 1864 -1871 in Wolfenbüttel, Fotos seiner Person sind erhalten. Ebenso passende Begleitexponate wie etwa eine von August Bebel geweihte Fahne der Wolfenbütteler Sozialdemokraten. Ihr Verbleib müsste allerdings recherchiert werden.

Zu 4.: Es ist erwiesenermaßen falsch, dass nach 1945 zu einem grundsätzlichen „Neuanfang“ in Deutschland kam. Sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR gab es massive personelle Kontinuitäten bis in höchste Staatsämter (Adenauers Staatssekretär Globke ist wohl das prominenteste Beispiel). Nach einer kurzen Phase der Entnazifizierung in Westdeutschland verblieb eine nicht unwesentliche Zahl an teilweise sehr stark an den Verbrechen der Nazis beteiligte Personen im Amt und Würden. Wolfenbüttel ist hier keine Ausnahme und dies sollte nicht unter den Teppich gekehrt werden. Zu gegebener Zeit sollte dies in der Ausstellung auch konkreter zum Ausdruck kommen.

Zu 5.: Hier ist genau der Punkt an dem eine solche Kontinuität deutlich gemacht werden kann. Die Leistungen der Konditorenschule werden damit nicht in Abrede gestellt, aber es wird aufgezeigt, dass es auch in Wolfenbüttel nach dem Krieg keinen gründlichen „Neuanfang“ gab. Zudem ergibt sich ein Bogen zur vorher erwähnten Person Fritz Fischer, Geschichte wird also im Zusammenhang erfahrbar.

Anhang 1

Vorschlag: Informationstafel zu Fritz Fischer im Bürger Museum
(gern auch um eine Hörstation zu ergänzen)

Friedrich „Fritz“ Fischer, geboren 1896 in Linden, war ein Wolfenbütteler Arbeiter und Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Fischer saß für diese im Rat der Stadt und setzte sich dort stark für soziale Belange ein, legte sich aber auch scharf mit den Abgeordneten der NSDAP an. In der Nacht vom 6. auf den 7. Juli 1933 wurde er mit 14 weiteren Mitgliedern der KPD im Arbeiterquartier Nordstraße von einem Kommando der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) überfallen und in die Kreisgeschäftsstelle der Wolfenbütteler NSDAP in der Mühlenstraße verschleppt. Dort wurde er unter den Augen des NSDAP-Kreisleiters Lehmann mittels Gummiknüppeln und Ochsenziemern gefoltert. Er und zwei weitere Männer erlagen später ihren Verletzungen, die restlichen Opfer erlitten schwerste Verletzungen und wurden in Zuchthäuser und Konzentrationslager verschleppt. 1974 widmete der Rat der Stadt Fischer eine Straße, 2011 erhielt er dort einen eigenen Stolperstein. Laut dem in dieser Nacht ebenfalls gefolterten Fritz Liebold lauteten seine letzten Worte: „Fritz, grüße mir mein Lieschen noch einmal und merke Dir, dieses ist wahrer Faschismus.”

Quellenbelege sind hier zu finden:
• Ausmeier, Peter, Klagges, “Verbrecher im Hintergrund, Ein Prozessbericht“
• Beier, Frank, Geschichte der Stadt Wolfenbüttel 1933 bis 1945, Zeitzeugen – Fotos – Dokumente, Heft 11 der Reihe „Beiträge zur Geschichte der Stadt Wolfenbüttel“, Wolfenbüttel 2003, Seite 208
• Braunschweigische Landschaft, Frank Ehrhardt (Hg.), Topographie der Erinnerung, Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus im Gebiet der Braunschweigischen Landschaft, Braunschweig 2004
• Kommission zur Untersuchung der Lage der politischen Gefangenen, „Terror in Braunschweig, aus dem ersten Quartal der Hitlerherrschaft“, Zürich 1933
• Landgericht Braunschweig, „Im Namen des Rechts!“, Urteilsbegründung zum Prozeß gegen Dietrich Klagges vom 05.04.1950
• Ludewig, Hans-Ulrich/Kuessner, Dietrich, „Es sei also jeder gewarnt, Das Sondergericht Braunschweig 1933 – 1945“, Braunschweig 2000, Seite 84 ff
• Seeboth, Robert u.a., „Beiträge zur Geschichte der Wolfenbütteler Arbeiterbewegung“, Wolfenbüttel 1979
• Seeboth, Robert, „Ein Überblick über die Tätigkeit der KPD in Wolfenbüttel in den Jahren 1919 – 1956“, Typoscript, ca. 80 Seiten, unveröffentlicht
• Sohn, Werner, „Im Spiegel der Nachkriegsprozesse: Die Errichtung der NS-Herrschaft im Freistaat Braunschweig“, Braunschweig 2003
• Artikel in der Braunschweiger Zeitung, Wolfenbütteler Teil: 20.06.2001, „Noch heute höre ich die Angstschreie“; 08.07.2003, „Die Wolfenbütteler Schreckensnacht“; 02.11.2011, „Stolpersteine erinnern an Wolfenbütteler NS-Opfer“

Ein für eine Zeichnung im Stil der anderen Tafeln geeignetes Fotoporträt Fischers müsste im
Nachlass Robert Seeboths vorhanden sein.

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