Presseschau KW 42

++ Bloß nicht reden ++ Salzgitter ringt um seine Weltoffenheit ++ Die Linke hatte nie eine so gut organisierte Fraktion von Fantasten ++ Kann eine Gehirnwäsche Terroristen hervorbringen? ++ Halbmond und Hakenkreuz im Landgericht ++ Es herrscht Konformismus ++ Wie die deutsche Öffentlichkeit die neuen Rechten gross macht ++ „Neue Rechte“ und ideologische Traditionen ++

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Zugreisen: Bloß nicht reden – Süddeutsche Zeitung

„Ohne das Zugabteil hätte Emil seine Detektive wohl nie kennengelernt. Dort, zwischen Neustadt und Berlin, nimmt die Geschichte des Kinderbuchklassikers von Erich Kästner Fahrt auf: mit dem Diebstahl von 140 Mark aus Emils Jackett. Dieser Herr im steifen Hut ist ihm von Anfang an nicht geheuer und dann erst recht nicht mehr, nachdem die übrige Belegschaft ausgestiegen ist und er mit dem Hutträger alleine, aber im Zug kann man sich seine Mitreisenden nicht aussuchen und im Abteil durch die räumliche Abgeschlossenheit noch mal weniger. Kästner bewies mit ‚Emil und die Detektive‘ schon 1929 ein feines Gespür für die Ambivalenz von Reisen im Zugabteil, das bei ihm noch gelegentlich ‚Coupé‘ heißt: ‚Eine seltsame Einrichtung‘ sei das. ‚Wildfremde Leute sitzen hier auf einem Häufchen und werden miteinander in ein paar Stunden so vertraut, als kennten sie sich seit Jahren.‘ Manchmal sei das ‚ganz nett und angebracht‘, schreibt er. ‚Manchmal aber auch nicht. Denn wer weiß, was es für Menschen sind?‘ Auch der Mord im Orient-Express wäre im Großraumwagen nie passiert – oder hätte zumindest subtiler verübt werden müssen als durch die von Agatha Christie gewählten zwölf Messerstiche. Wer Zugabteile nur von Christie und Kästner kennt, könnte sie für unheimliche, ja gefährliche Orte halten, spielen all die spontanen Gespräche, netten Zufallsbekanntschaften und geteilten Süßigkeiten in ihren Büchern kaum eine Rolle. Und sich von den schönen Seiten des Zugabteils zu überzeugen, wird immer schwieriger, da diese Form des Reisens – zumindest hierzulande – ein Auslaufmodell ist.“

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Salzgitter ringt um seine Weltoffenheit – Focus

„‚Alles dreht sich immer nur um die Muslime‘, mosert Andrea. In der Schule ihres Kindes sind fast nur noch Ausländer. ‚Da gibt es nicht mal mehr Schweinefleisch.‘ Eine andere junge Mutter beklagt, dass sie wegen der vielen Flüchtlingskinder keinen Kindergartenplatz mehr für ihren Sohn bekommt. Kessner stellt klar, dass es derzeit keine Klage gegen die Kommune gebe, weil man den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz nicht erfüllen könne. Was es aber gibt, ist eine Warteliste mit 580 Kindern. Rainer Armbrust, stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender der Stadt, bezeichnet den Zuzugsstopp insbesondere wegen der prekären Lage in Schulen und Kindergärten als ‚dringend nötig, vielleicht aber auch zu spät.‘ […] In manchen Kindergärten liege der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund bei mehr als 95 Prozent. 80 Prozent seien es im Schnitt. ‚Man merkt schon, dass unsere Kanzlerin nie in einer Kommune tätig war. Die wusste nicht, was das für eine Belastung für eine Kommune bedeutet, wenn man sagt: kommt mal alle.‘ Erschwerend hinzu kommt die kulturelle und sprachliche Vielfalt. ‚Da stoßen Menschen an ihre Grenzen. Wir haben keine Chance mehr, es sind einfach zu viele.‘ Auffällig ist in Salzgitter ohnehin die große sprachliche Barriere. Für einen Integrationskurs der Stadt beträgt die Wartezeit derzeit 44 Wochen. ‚Man ist froh, wenn man mal jemanden trifft, der Deutsch sprechen kann‘, sagt eine Frau im Stadtzentrum.“

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Kurt Andersen: „Die Linke hatte nie eine so gut organisierte Fraktion von Fantasten“ – Zeit-Online

„Es war ein traumatisches nationales Ereignis, das die Dinge massiv aus dem Gleichgewicht brachte. Es gab gewiss schon vorher Verschwörungstheorien in der amerikanischen Geschichte, aber die Kennedy-Ermordung war der Moment, in dem sich eine allgemeine Skepsis gegenüber jedweder offizieller Darstellung der Realität breitmachte. Die Forschung zu Verschwörungstheorien ist eindeutig: Wenn man erst einmal anfängt, in Verschwörungstheorien zu denken, dann gibt es kein Zurück mehr. Es wird zu einer Angewohnheit des Geistes. Mit der Kennedy-Ermordung hat sich in Amerika diese Angewohnheit durchgesetzt, insbesondere bei der Rechten. […] Das hat mit der Verbreitung extremer religiöser Überzeugungen bei der Rechten zu tun. Das bildet den Nährboden für fantastische Überzeugungen auf anderen Gebieten. Wenn Sie glauben, dass Sie in Zungen sprechen können, dann sind Sie auch dazu geneigt zu glauben, dass der Klimawandel eine Erfindung Chinas ist. Hinzu kommt, dass die extreme Rechte seit Jahrzehnten wahnwitzige Theorien verbreitete, die dann in den vergangenen 20 Jahren immer stärker in den Mainstream rückten. Die Linke hatte nie eine so gut organisierte Fraktion von Fantasten. […] Man spricht immer über die politische Polarisierung in den USA. Die USA waren schon oft politisch polarisiert und haben das überstanden. Aber ich weiß nicht, wie ein Land eine Öffentlichkeit erdulden kann, die zwischen denen gespalten ist, die noch an Fakten glauben und denen, die es eben nicht mehr tun. Ich war nie jemand, der an den Untergang geglaubt hat, aber im Moment wird mein Optimismus auf eine harte Probe gestellt. Wenn wir eine Regierung haben, die nicht mehr an wissenschaftliche Erkenntnisse glaubt, dann kann man sich leicht vorstellen, dass es mit dem Wohlstand und dem Wohlergehen unserer Nation steil bergab geht.“

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Kann eine Gehirnwäsche Terroristen hervorbringen? – Neue Züricher Zeitung

„Aus Maos China kam der Begriff ‚Gehirnwäsche‘ in den Westen und machte im Kalten Krieg grosse Karriere. Die Verheissungen dieser Waschmaschine indessen sind vergiftet. […] Man weiss nur: Der junge Mann hat seinen Weg selbst gewählt, er selbst ist zum Schluss gekommen, dass sein Heil in der Vernichtung des ‚Feindes‘ liege, dass er unbedingt einem göttlichen Auftrag gehorchen müsse. In einer schwierigen lebensweltlichen Konstellation macht er sich zum suizidalen Killer. Das Verbrechen zeugt, so pervers es klingt, von seinem Willen, sich nicht mit der Gegenwart abzufinden. Nur läuft sich seine Energie in der Destruktion tot. Wieso ist es dem Heranwachsenden nicht gelungen, ein autonomer Mensch zu werden, der selber denkt? Wieso liefert er sich einer höheren Macht aus? Aber tut er das wirklich? Erst jetzt, da sich der Begriff der Gehirnwäsche metaphorisch entgrenzt hat, offenbart sich das schleichende Gift von Maos Geschenk: ‚Gehirnwäsche‘ suggeriert, wer im Namen Gottes, einer Idee oder eines Führers Unschuldige und sich selbst töte, sei eben ferngesteuert. Die Genese des Terroristen wird zugleich mystifiziert und vereinfacht: als genüge ein falscher Prediger, um Radikalkonvertiten hervorzubringen. Die Billigkeit der Erklärung zeigt sich nicht zuletzt darin, dass auch ehemalige IS-Mitkämpfer sie sich zunutze machen: Ihr Gehirn sei gewaschen beziehungsweise verschmutzt worden. Maos unheimliches Geschenk entlastet das Denken auf wohlfeile Weise. Das Verstörende, die Unfassbarkeit eines Tuns wird über einen diffusen Mechanismus der Beeinflussung vermeintlich nachvollziehbar und begreiflich. Damit aber bleiben die mörderischen Taten erst recht unentschlüsselt.“

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Halbmond und Hakenkreuz im Landgericht – Salonkolumnisten

„In Braunschweig stehen drei Islamisten und ein Neo-Nazi gemeinsam wegen der Planung eines Sprengstoffanschlags vor Gericht. […] Er sei sogar bereit, an einem Aussteigerprogramm für Extremisten teilzunehmen, woraufhin ihm die Richter vorhielten, dass die selbstgemalte Flagge des IS und der Treueschwur auf den ‚Kalifen‘ Abu Bakr al-Baghdadi an seiner Zellenwand aber anderes vermuten ließen. ‚Ich mag keine weißen Wände‘, lautete die Antwort von Sascha L. Nach dem Gespräch mit einem Psychologen habe er die IS-Fahne eigentlich abnehmen wollen, ‚aber dann lief Dragonball Super im Fernsehen, und da habe ich das leider vergessen.‘ Später hätten ihm übel gesinnte Justizbeamte die Wände seiner Zelle dann fotografiert – mit Fahne und Treueschwur. Überhaupt sollten die Richter mehr Verständnis zeigen: ‚Sie dürften das hier auch nicht alles auf die Goldwaage legen.‘ […] Im Gegenzug zu L. war Wladislaw S. vor Gericht sichtlich bemüht, einen intellektuellen Eindruck zu machen. Er sprach langsam in wohl gesetzten Worten, zitierte gar aus Friedrich Schillers ‚Die Verschwörung des Fiesco zu Genua‘, als er die Demokratie als ‚Herrschaft der Dummen‘ bezeichnete. Er selbst bevorzuge eine ‚ethnische Aristokratie‘. Auch auf den NS-Chefideologen Alfred Rosenberg berief er sich – ausgerechnet als Gewährsmann für ‚Bekenntnisfreiheit‘. […] ‚Weniges auf der Welt verbindet so stark wie gemeinsame Abneigung gegenüber Dritten‘, hat der französische Regisseur René Clair einmal gesagt. Wer dieser gemeinsame Feind ist, offenbart eine weitere Suchanfrage von Wladislaw S.: ‚Wie die Jahud uns täuschen‘. Jahud ist das arabische Wort für Juden. Die Angeklagten verbinde ‚eine ausgeprägte antisemitische Haltung‘, heißt es in einer Pressemitteilung der Generalstaatsanwaltschaft Celle. Das wurde im Prozess deutlich, als Wladislaw S. die von ihm abgelehnte Demokratie als ‚jüdisches System‘ bezeichnete. Auch verlas das Gericht eine Chat-Nachricht, in der S. deutsche Polizisten und Soldaten ‚Judendiener‘ nannte.“

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Prof. Oliver Zimmer: „Es herrscht Konformismus“ – Basler Zeitung

„Ich vertrete das nicht wie einen ­Glauben, ich sage nicht, der Kleinbürger sei mein neuer Held. Aber wenn alle den Biedermann zum Populisten und potenziellen Brandstifter erklären, halte ich dagegen. Wer von Max Frisch geprägt ist, fühlt sich davon vielleicht provoziert, aber es gibt andere Schriftsteller als Frisch, zum Beispiel George Orwell. […] Orwell schrieb im Zweiten Weltkrieg einen Essay über das Englischsein und schilderte die Kleinbürger ganz anders. Er sah sie als Bollwerk der Zivilgesellschaft, als Verteidiger des normalen Lebens, denn das war alles, was sie hatten: ihre Gärten, das wöchentliche Pub-Quiz. Diesen Freiraum wollten sie nicht gefährden. […] Die Freiheit lebt an konkreten Orten der zivilgesellschaftlichen Praxis. Dort wird sie verteidigt oder aufgegeben. Wo starke Ortsbezüge schwinden, ist die Freiheit auf dem Rückzug. Die Praxis der Freiheit ist immer partikularistisch, ist immer an bestimmte Gruppen gebunden, nicht an ein Menschentum, wie auch immer es definiert sein mag. Darin liegt, wenn Sie so wollen, die Universalität der Freiheit. Das ist es, was Orwell uns in seinem Essay über die englischen Blumenzüchter und Hobbygärtner erzählt. Und es ist ganz schön viel. Es ist ein sehr radikaler, fast hätte ich gesagt: unzeitgemässer Gedanke. […] Orwell war kein begnadeter Literat, aber er war der bessere Beobachter als Frisch, er schrieb keine Rollenprosa, scharte keine Jünger um sich. Er, der aus gutem Haus kam, passte in kein politisches Schema, irritierte Linke und Konservative gleichermassen. […] Er lobte nicht nur die Kleinbürger, sondern auch die Adligen, obschon er sie für bekloppt hielt und für viele Missstände verantwortlich machte. Doch als es darum ging, das Land zu verteidigen, waren diese Adligen da. […] Bei Frisch lautete die Frage immer: gut oder falsch, Fortschritt oder nicht, und wo bitte bleibt die Moral? Orwell sagte, diese Adligen hätten zu viel Inzucht betrieben, sie besässen zu viel Land, ihre Hobbys seien dumm und teilweise destruktiv, aber sie würden nun einmal eine wichtige Kriegerkaste bilden. Und ihm war bewusst, wie viele Intellektuelle im Faschismus oder Kommunismus die Zukunft erblickten.“

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Hilfe, Nazis! Wie die deutsche Öffentlichkeit die neuen Rechten gross macht – Neue Züricher Zeitung

„Im Umgang mit rechten Intellektuellen dominieren im deutschsprachigen Raum drei Herangehensweisen. Die erste ist die Predigt, die zweite die Hysterie, die dritte der Spott. Auf der Frankfurter Buchmesse liessen sich alle drei in mustergültiger Form beobachten. Auslöser waren Auftritte und Lesungen der Wochenzeitung ‚Junge Freiheit‘ sowie der Verlage Manuscriptum und Antaios. Den Anfang machten die Prediger. Angeführt von Alexander Skipis, dem Geschäftsführer des Börsenvereins, liessen sich Messemitarbeiter dabei filmen, wie sie Schilder hochhielten. ‚Gegen Rassismus‘ und ‚Freiheit und Vielfalt‘ stand darauf. Das Schöne an solchen Mottos ist, dass sich jeder darauf verständigen kann. Das Blöde ist, dass sich jeder darauf verständigen kann. Wie beim Kirchentag. Rassistisch? ‚Wäre mir neu‘, schrieb Ellen Kositza, die Grande Dame der neuen Rechten. Vielfalt? Genau die biete man dem Publikum doch mit dem eigenen Programm. Es folgten die Hysteriker. Ein Kommunalpolitiker der Satire-Partei ‚Die Partei‘ wurde bei einem Gerangel zu Boden gebracht. ‚Ein Nazi auf mir drauf‘, schrieb er über ein Foto, das er bei Twitter verbreitete. Ein Redaktor der ‚Frankfurter Rundschau‘ erklärte flankierend: ‚Anything goes. Selbst ‹Sieg Heil› auf der Buchmesse.‘ Beide Behauptungen verbreiteten sich rasend schnell und wurden auch von Journalisten und Politikern übernommen. Am Ende stellte sich heraus, dass der vermeintliche Nazi ein Sicherheitsbeauftragter war, der eingeschritten ist, weil der Kommunalpolitiker selbst aggressiv gedrängelt und geschubst hat. Für ‚Sieg Heil‘-Rufe gibt es bis jetzt keine Belege. […] Statt den neuen Rechten mithilfe haltloser Vorwürfe und Nazi-Geschrei die Opferrolle zu schenken, würde man sie inhaltlich fordern. Aber dafür müsste man aufhören zu predigen, zu brüllen und zu spotten und anfangen zu lesen.“

Tom Kraushaar: „Es sind Gegner und keine Feinde“ – Welt

„Es war eine super Messe. Dann fahre ich heim und bekomme, mit Verlaub, diesen ganzen Scheiß mit. Ein komplettes Desaster. Für uns alle, die Messeleitung, aber auch die Gegendemonstranten, die wirklich alles falsch gemacht hat. Das sind sympathische Leute mit den richtigen Zielen, aber sie haben nicht geschnallt, wie die Rechte funktioniert. Sie sind wie eine gut geölte Maschine, die sich die Rechten ausgedacht haben, damit auf Knopfdruck das passiert, was sie wollen. Der Plan ist perfekt aufgegangen. […] Sogar noch mehr. Sie sind sogar die besonnenen, relativ gefassten, rationalen, bürgerlichen Personen. Der radikale Mob sind die Linken. Klar waren da auch neurechte Prolls, aber das überrascht niemanden. Die haben ‚Jeder hasst die Antifa gebrüllt‘, aber nicht ‚Sieg Heil‘ oder so etwas. […] Diese Falschmeldungen kommen noch hinzu. Besonders unglücklich war, dass behauptet wurde, jemand sei bei der Veranstaltung von Nazis verprügelt worden – was am Tag zuvor dem Trikont-Verleger Achim Bergmann tatsächlich geschehen war. Aber dann stellt sich heraus, dass es am Samstag ein Securitymitarbeiter der Messe war und von Verprügeln keine Rede sein konnte. Eine durch und durch misslungene Gegenreaktion der Linken und auch der demokratischen Mehrheitsgesellschaft, die sich sehr schlecht positioniert hat. […] Ich finde es richtig, dass die Messe dem Antaios-Verlag einen Stand zugesteht. Sie hätte aber nicht bei der Eröffnung dazu aufrufen sollen, gegen die rechten Verlage Flagge zu zeigen. Die wurden so indirekt von Anfang an quasi als ungebetene Gäste, als von der Mehrheitsgesellschaft Ausgestoßene benannt. Das war schon der erste strategische Fehler. Ignorieren ist okay, man muss ja nicht über sie reden. Aber diese Art der ausschließenden Rede geht nach hinten los.“

Götz Kubitschek: Wir stellen Normalität her – Tichys Einblick

„Wir waren auf der Messe, wurden zum Skandal, zum prägenden Messethema und zum Gegenstand einer nun endlich anlaufenden Debatte über den richtigen Umgang mit der rechtsintellektuellen Normalität in Deutschland. Wie gelang uns diese ‚Landnahme‘ auf der Buchmesse? Die humorige Antwort lautet: Wir haben unsere PR-Abteilung ausgelagert, und jeder, der uns zu laut und zu durchschaubar skandalisiert, ist Teil dieser Auslagerung, ist einer unserer unbezahlten Mitarbeiter, ob er will oder nicht. Das klappt seltsamerweise immer wieder, das hat beim Skandal um Rolf Peter Sieferles ‚Finis Germania‘ funktioniert und nun auf der Buchmesse erneut. […] Ich verfüge nicht über öffentliche Podien, die Einladung dorthin muss aus dem Establishment erfolgen. Aber unsere Gesprächsangebote wurden sowohl von der Kahanestiftung als auch vom Börsenverein oder der Buchmesse nicht angenommen. Warum nicht, wo gleichzeitig behauptet wird, wir hätten kein Interesse am Dialog? Sind diese Leute geistig alle bettlägrig? Kurzum: Was wir tun und damit hervorrufen, entstellt das Verhalten des Establishments zur Kenntlichkeit, um eine derzeit bei uns beliebte Wendung zu zitieren.“

Der Aufstieg der Rechten ist keine Diskurspanne der Linken – Süddeutsche Zeitung

„Dass sich im Kern demokratiefeindliche Kräfte in einer Demokratie als Opfer inszenieren müssen, ist wenig erstaunlich. Dass sie es tun, obwohl ihre Bücher gedruckt, ihre Versammlungen stattfinden, ihre Krawall-Truppen pöbeln, zeigt nur, wie wenig es ihnen um faire Repräsentation geht, wie sehr um Herrschaft. Viele Intellektuelle haben sich mit zum Teil erkennbarer Angstlust in die Gehirne der Rechten gedacht, haben ihre Sorgen und Nöte nachempfunden, während die Rechten nur wuchsen. Es ist Zeit, die Perspektive geradezurücken. Der größte Teil der Deutschen ist nicht ausländerfeindlich, erkennt die Rechte von Frauen und Minderheiten an und schätzt das Leben in einem offenen, fortschrittlichen, auch solidarischen Land. Nicht alle tun das. Aber die Randlage, die sie beklagen, haben sie selbst gewählt.“

Besuch von anderen Planeten – Zeit-Online

„Wenn man ‚Mit Linken leben‘ liest, kann man sich schon auf die Lebensbeichten derselben Autoren in 30 Jahren freuen, wenn sie sich die Augen reiben, mit welcher Selbstgewissheit sie einst die Welt richteten. […] Die natürliche Ordnung, von der die Rechte träumt, kann von ihr nur beschworen, aber nicht begründet werden. So leicht kommt man lediglich mit großer Klappe aus dem Relativismus nämlich nicht heraus. […] Nicht weil die Autoren den Holocaust leugneten, sondern weil sie jede Betroffenheit mit der Begründung ablehnen, dies sei ein ritualhaftes Stöckchen, über das sie nicht springen wollen. Stattdessen ist immer wieder vom ‚Schuldkult‘ die Rede und vom ‚Nationalmasochismus‘. Dies ist der größte blinde Fleck im Denken der Rechten: dass sie nicht sehen, dass der Umgang der Deutschen mit ihrer historischen Schuld ein souveräner, reflektierter und deshalb selbstbewusster ist. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nennt man nicht Masochismus, sondern Geschichtsbewusstsein.“

Niemand ist im Besitz der absoluten Wahrheit – Deutschlandfunk Kultur

Proteste gegen rechts auf Frankfurter Buchmesse: Brüllen ist Blech gilt auch für die Antifa – Der Tagesspiegel

Tumulte auf der Buchmesse: Hört zu! – Deutschlandfunk Kultur

Mit Rechten reden – Pro und Contra: Streiten als Selbstzweck? – Deutschlandfunk Kultur

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Faschisten von heute? „Neue Rechte“ und ideologische Traditionen – Aus Politik und Zeitgeschichte

„Tatsächlich zielen Rechtspopulismus und Neue Rechte auf Affekte statt Reflexion. ‚Was zählt, ist die Emotion‘ resümiert eine Auswertung der Social-Media-Präsenz der AfD. Die Ausbeutung von ‚Wut‘ folgt dabei dem durch den AfD-Strategen Marc Jongen ausgegebenen Ziel der Steigerung der ‚thymotischen Spannung‘ in der Politik. Dieses Vorgehen gehört nicht nur zu den Wesensmerkmalen des Populismus generell, der sich mit seiner ‚charakteristischen Intellektuellen- und Theoriefeindlichkeit‘ dem ‚reflexiven Umgang mit der Moderne‘ verweigert. Es weist zudem auf den im Faschismus verbreiteten Glauben, ‚man müsse die Tiefen des Irrationalen und des Instinktes von der künstlichen Domäne der Vernunft scheiden‘. […] Im Gegensatz zur Rationalität gelten Spontanität und Instinkt als naturhaftes Verhalten. In einer Vorstellungswelt, die auf die letztendscheidende Kraft des Ausnahmezustands gefluchtet ist, werden sie als Lebensversicherung gesehen. Ein solcher Antirationalismus mündet zwangsläufig in der Glorifizierung von Gewalt. In der Geschichtsauffassung der Neuen Rechten regrediert die Gesellschaft zum permanenten Kampf stammesartiger Gruppen miteinander. […] Vor dem Hintergrund der weltanschaulichen Disposition der Neuen Rechten, ihren Kontakten und historischen Vorbildern ist festzustellen, dass sie das Erbe des Faschismus zumindest in großen Teilen angetreten hat. Das faschistische Element kommt dabei meist habituell und ästhetisch zum Vorschein, manifestiert sich aber, sobald der einhegende gesetzliche Rahmen wegfällt. Eine wichtige Quelle sind die vielfältigen historischen Bezüge auf die Konservative Revolution, die sich für die italienische Variante des Faschismus begeisterte. In diesem Sinne kann vor allem der harte Kern um das IfS durchaus in der Tradition des Faschismus gesehen werden.“

(Anti-)Faschismus – Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 42–43/2017)

„Unter dem Namen Fasci italiani di combattimento (Italienische Kampfbünde) trat ab 1919 eine Gruppe öffentlich auf, die sich einem Führer – Benito Mussolini – unterordnete, dem nationalistischen Lager entstammte und ihren Antimarxismus auch gewaltsam zeigte. Diese Bewegung sollte zum Namensgeber für das globale Phänomen Faschismus werden, die skizzierten Charakteristika sind der kleinste gemeinsame Nenner faschistischer Bewegungen. Das weltweite Erstarken nationalistischer, autoritärer und gegen Minderheiten gerichteter Strömungen hat neues Interesse am (Anti-)Faschismus geweckt. Reaktionäre Bewegungen mit breiter Basis hatte es in vielen Ländern jahrzehntelang nicht gegeben. Ab wann ist es gerechtfertigt, rechtsgerichtete Bewegungen und Regierungen als faschistisch zu bezeichnen? Wie real ist die Gefahr des Faschismus heute, wer sind seine Gegner?“

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++ Anmerkung zur Presseschau ++

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