Presseschau KW 44

++ Ist das politisch sauber oder muss das weg? ++ Was ist das Erbe der Aufklärung? ++ Ja zu Cultural Appropriation! ++ Die Erfolgsstrategie der AfD ++ Über „Identitäre“ berichten, ohne ihnen auf den Leim zu gehen ++ Höckes Bullerbü ++ Hier sprechen die Reichsbürger ++ Das Muster der Verschwörung ++ Das Christentum hechelt nicht nach Applaus ++

***

Ist das politisch sauber oder muss das weg? – Süddeutsche Zeitung

„Als der durchtriebene und machtverliebte Fürst Metternich sich eine Auswahl von Versen des deutschen Dichters Heinrich Heine kommen ließ, blätterte er spitzmündig in den champagnerlaunigen Texten, zitierte vor seinen Speichelleckern wohl dies und das amüsante Aperçu, um dann, so die Überlieferung, den fabelhaften Satz zu sagen: ‚Vorzüglich, muss sofort verboten werden.‘ Damals, in den Zeiten der aristokratischen Hegemonie, konnte man den Misston, der das Orchester der Einhelligkeit störte, mit der lässigen Geste des Fliegenklatschers vom Tisch fegen, ein Handgriff war das, mehr nicht. Heute funktioniert es in totalitären Staaten noch so ähnlich – was Putin nicht passt, wird verfolgt, wer der chinesischen Nomenklatura mit Abweichungen vom Parteidiktat kommt, wird unter Hausarrest gestellt, und wer in Polen für die Pressefreiheit ist, wird böse unter Druck gesetzt. Solche Schikanen sind in einem freien Land undenkbar. Es gibt auch keinen Grund, von hoher Warte für kulturelle Ebenheit zu sorgen, das machen wir, bitte, schon selber. Die Angewohnheit, das vermeintlich Anstößige zunächst mal einer moralischen Reinigungsfirma zu überantworten, hat ihren festen Platz in der Asservatenkammer der Affektgesellschaft: Zuerst muss das weg, dann kann man vielleicht noch mal drüber reden, aber das darf höchstens in einem möglichst auf Einigkeit getrimmten Diskurs geschehen.“

***

Dieter Thomä: Was ist das Erbe der Aufklärung? – Neue Züricher Zeitung

„Vor dem Hintergrund dieser gegensätzlichen Positionen werden heute die brennenden Fragen diskutiert, wie mit kulturellen Unterschieden umzugehen ist, wie sich Toleranz und Zusammenhalt vereinbaren lassen. Die Grösse der Aufklärung liegt darin, den Streit um diese Fragen selbst entfacht und vorangetrieben zu haben. Scheu aber betreibt eine Halbierung und Verstümmelung der Aufklärung, indem er die ‚Progressiven‘ oder ‚Kulturrelativisten‘ der Gruppe der ‚Barbaren‘ zuschlägt und die Fähigkeit, ‚die eigene Identität zu transzendieren‘, peinlich von Selbstkritik freihält. Angesichts des Auftritts René Scheus auf der Bühne, auf der nichts Geringeres als die Zukunft der Demokratie und des Liberalismus verhandelt wird, ist man versucht, an Hans Christian Andersens Märchen ‚Des Kaisers neue Kleider‘ zu denken. In leichter Abwandlung dieses Märchens kann man sagen: Der Feuilletonist, der zum Rennpferd wird, ist nackt. Das muss nicht so bleiben. Dieser Artikel ist auch ein bescheidener Beitrag zur Kleidersammlung.“

Dazu bereits in der letzten Presseschau: Die Barbaren, sie lauern überall – Neue Züricher Zeitung

Ja zu Cultural Appropriation! – Basler Zeitung

„Die Motivation, in allem stets das Negative zu sehen, ist nicht nur nicht förderlich für zwischenmenschliche Beziehungen, sie ist belastend für Integration und Diversität.“

***

Propaganda 4.0 – Die Erfolgsstrategie der AfD – Blätter für deutsche und internationale Politik

„Das Verhältnis der AfD zum Journalismus wirkt auf den ersten Blick schizophren, doch es folgt einem klaren Kalkül: Die AfD verteufelt die unabhängigen Medien als ‚Systempresse‘, gleichzeitig braucht sie sie als Bühne für ihre Inszenierungen, Provokationen und Abgrenzungen zum politischen Feind. Die erste Stufe ihrer Strategie der ‚Propaganda 4.0‘ ist die Delegitimierung der etablierten Medien. Der dadurch entstandene Bedarf nach wahrhaftigen Informationen wird in Stufe zwei durch den Aufbau von parteigebundenen Alternativmedien im Internet befriedigt. In den sozialen Bereichen dieser Kanäle entsteht ein digitales Volk, die dritte Stufe der Propaganda 4.0. Der vierte und letzte Baustein ist die Aufmerksamkeitsmaximierung und Abgrenzung zum politischen Gegner in der medialen Arena. Für all das braucht die AfD die Massenmedien. Die Partei lädt daher Journalisten zu Hintergrundgesprächen ein, verschickt eifrig Pressemitteilungen und setzt sich allzu gerne in Talkshows öffentlich-rechtlicher Sender, die sie eigentlich abschaffen will – mit dem Ziel, die Deutungshoheit über die mediale Berichterstattung zu erobern. Kontrolle ist ein leitendes Motiv für die AfD bei ihrem Umgang mit den Medien. Es gibt Medienformate, bei denen sie mehr Kontrolle hat (zum Beispiel Talkshows) und solche, bei denen sie weniger Kontrolle hat (etwa Berichte über Parteiveranstaltungen). Ihre Antwort auf ein geringes Maß an Kontrolle ist die Restriktion der Arbeit von Journalisten, sprich die Einschränkung der Pressefreiheit. So verwehrt sie bei Parteitagen oder anderen Veranstaltungen Journalisten die Akkreditierung, wirft sie aus dem Saal oder maßregelt sie von der Bühne aus. Nur kontrollierbare, das heißt unkritische Medien sind bei der AfD willkommene Medien. Wenn jemand kritisch über die AfD schreibt, spielt es auch keine Rolle, ob dieser eher politisch links oder rechts tickt. Welche politischen Mittel aus einer solchen Haltung in letzter Konsequenz folgen, offenbarte ein Mitglied eines AfD-Kreisvorstandes aus Sachsen-Anhalt: ‚Mit der Machtübernahme muss ein Gremium alle Journalisten und Redakteure überprüfen und sieben. Chefs sofort entlassen, volksfeindliche Medien verbieten‘, schrieb der Mann in einer internen WhatsApp-Gruppe.“

Über „Identitäre“ berichten, ohne ihnen auf den Leim zu gehen – Übermedien

„Natürlich ist eine derartige Inszenierung journalistisch erst einmal erfreulich. ‚Zwei Klischees sind lächerlich, hundert Klischees ergreifend‘, hat Umberto Eco einmal gesagt. Sellner und Kubitschek sind solche Hunderterklischees, sie sind unzweideutig und befriedigen das große Bedürfnis nach Klarheit. Wer aber die Inszenierung beobachtet, jedoch nicht als solche benennt, macht sich zum Medium der Inszenierung. Dabei ist es gar nicht so schwer, diese Falle zu umgehen. Oft reicht es einfach zu sagen, dass die Inszenierung eine Inszenierung ist. Mit etwas Distanz könnte man aber genauso gut sagen: Die ‚Identitären‘ kopieren die Aktionen von Greenpeace von vor 20 Jahren. Und zumindest Martin Sellner konnte beispielsweise zum Islam, der ja angeblich eines der großen Sorgenthemen der neuen Rechtsradikalen sein soll, zu seiner Geschichte und seinen Ausprägungen tatsächlich gar nichts Nennenswertes beitragen, was über dünnstes Allgemeinwissen hinausgegangen wäre. Diese inhaltliche Dünnbrettbohrerei fällt nur nie auf, weil im Grunde niemand mit Sellner über Politik spricht – alle sprechen mit ihm immer nur über ihn selbst und über die ‚Identitären‘.“

Das AfD-Dilemma – journalist

„Guter Journalismus über die AfD hat wie sonst auch unbequem zu sein, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten. Vielleicht ist das im Zeitalter des weltweiten Rechtsrucks thematisch die wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe: mit Berichten, Reportagen und Kommentaren zu zeigen, dass Rassismus und völkischer Nationalismus eben nicht normal sind. Dass sie keine Probleme lösen, sondern furchtbare neue schaffen, die altbekannt sind.“

Höckes Bullerbü – Neue Züricher Zeitung

„‚Ich hoffe, dass Sie, wenn Sie Erfurt verlassen, einen anderen Höcke kennengelernt haben, als den, den Sie sich bisher konstruiert haben aus den Medien‘, sagte Höcke. Tatsächlich erlebt man viele Höckes. Aber warum sollte ausgerechnet der unangenehmste von ihnen am wenigsten Höcke sein?“

***

Hier sprechen die Reichsbürger – Der Tagesspiegel

„Seine Begleiterin ist eine stark geschminkte Frau Mitte 50. Strenger Blick, Bluse mit Blümchenmuster. Sie heißt Heike Werding und fungiert als ‚Generalbevollmächtigte der geeinten deutschen Völker und Stämme‘. Das bedeutet, sie ist die höchste Staatsvertreterin ihres Fantasiereichs. Heike Werding legt ein fünfseitiges, eng bedrucktes Dokument mit dem Titel ‚Allgemeine Handelsbedingungen und Gebührenordnung‘ vor, in dem sie hohe Geldstrafen androht. Das solle man unterschreiben. Wenn man sich weigert, ist es ihr auch egal. Sie redet einfach drauflos. In den nächsten zwei Stunden geben die beiden seltene Einblicke in die Strukturen, Gesetzmäßigkeiten und Gedankenwelten einer Szene, die auf Außenstehende bizarr, wenn nicht komplett verrückt wirkt. Es ist eine Welt, in der das Deutsche Reich fortexistiert, Personalausweise eigentlich Unternehmenszugehörigkeitsausweise sind und Deutsche keine Schuld an den Weltkriegen tragen, weil diese ja von Firmen geführt wurden. Heike Werding hat die Kopie eines mehrseitigen Briefs mitgebracht. Das Original hat sie vergangenen Monat an Angela Merkel geschickt. Darin fordert sie die Kanzlerin auf, das ‚Unternehmen Bundesrepublik mit allen Filial- und Tochterunternehmen‘ mit sofortiger Wirkung zu schließen. Merkel dürfe den Bundestag nicht mehr betreten, sich nicht mehr als Volksvertreterin darstellen. Gültig seien die ‚Gesetze der Gebietskörperschaften von vor 1914‘. Bei Verstößen drohe Merkel Sippenhaft, was bedeute, dass ‚zum Schadensausgleich drei Generationen der lebenden Vorfahren und drei Generationen der Nachkommen in die finanzielle Verantwortung gezogen werden‘. Auch über das Strafmaß gibt das Schreiben Auskunft: mindestens 9000 Feinunzen Gold.“

Das Muster der Verschwörung – Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Verschwörungstheorien sind einerseits nichts Neues. Schon seit Jahrhunderten existieren Erzählungen darüber, dass eine geheim handelnde Gruppe ein Land oder die ganze Welt kontrollieren oder gar zerstören will, Stichwort Illuminati. Stephanie Wittschiers Fall ist außerdem extrem. Nicht jeder, der glaubt, die Anschläge auf das World Trade Center seien von den Amerikanern bewusst nicht verhindert oder gar selbst ausgeführt worden, glaubt irgendwann auch, dass uns Chemtrails vergiften, die Bundesrepublik kein wirklicher Staat oder die Erde hohl ist. Andererseits ist Wittschiers Fall exemplarisch. Denn in den vergangenen Jahren vervielfachen und verbreiten sich Verschwörungstheorien rasant, kommen laut Experten immer mehr in der Mitte der Gesellschaft an und finden ihren Weg bis auf abgeschiedene Dörfer wie jenes, in dem Wittschier lebt.“

***

Kardinal Walter Brandmüller : Das Christentum hechelt nicht nach Applaus – Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Kann denn Liebe Sünde sein? Und wenn ja, wer mag es glauben? Der Streit um das Schreiben „Amoris laetitia“ schwelt weltweit – auch, weil Papst Franziskus weiter schweigt. Interview mit Kardinal Walter Brandmüller.“

***

++ Anmerkung zur Presseschau ++

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: