Presseschau KW 47

++ Die SPD muss wieder zum Anwalt der Arbeiter werden ++ Ehrlichkeit in der Politik ++ Die Parteien nehmen den Wählerwillen ernst ++ Umfallen für Deutschland ++ Moralischer Totalitarismus oder Aufklärung? ++ Frühe Fremdbetreuung in der DDR ++ Aufklärung und Kulturrelativismus vertragen sich nicht ++

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Nils Heisterhagen: Die SPD muss wieder zum Anwalt der Arbeiter werden – Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Wir haben uns damit arrangiert, dass dies bereits die beste aller Welten ist und es eigentlich nicht viel besser geht. Das ist aber noch nicht das ‚goldene Zeitalter‘. Es ist noch nicht alles gut geworden. Wenn es noch Menschen auf dieser Welt gibt, die hungern, die keinen Zugang zu Bildung haben, dann ist die Welt noch nicht gut. Wenn Arbeiter auf den Baustellen der WM-Stadien in Qatar fast wie Lohnsklaven behandelt werden, wenn Armeen von Lohnsklaven dem afrikanischen Kontinent seine Rohstoffe entziehen, wenn Wanderarbeiter aus Osteuropa in Akkordarbeit in deutschen Schlachthöfen unter schlechten Werkvertragsverhältnissen Schweinehälften zerlegen und ihre geringe Freizeit nur erschöpft im Bett zubringen können, dann ist die Welt noch nicht gut. Wenn es Menschen gibt, die in dem reichen Deutschland zur Tafel gehen müssen, Flaschen in Parks sammeln müssen, die nach 40 Jahren Arbeit nur Grundsicherung als Rente bekommen, dann ist die Welt noch nicht gut. War es nicht einmal das Ziel der Menschheit, die Welt von Armut, von Ausbeutung, von Gewalt, von Kriminalität und von Terror zu befreien? Wollten wir nicht eigentlich in einem Paradies auf Erden leben? War das nicht einmal der geschichtsphilosophische Auftrag, den uns die Aufklärung hinterlassen hat und für dessen Erfüllung seit Karl Marx und der Arbeiterbewegung die politische Linke gekämpft hat? Aber was ist daraus geworden? Laut Oxfam besitzen die acht reichsten Menschen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen. Braucht man noch eine andere Zahl, um einzusehen, dass es so nicht weitergehen kann? Der Antrieb zum ‚Reich der Freiheit‘, der ist aber offensichtlich momentan verlorengegangen. An diesen Antrieb muss die Linke nun wieder erinnern, die SPD dabei die führende Rolle spielen. Sie muss den Kampf für eine neue Weltordnung auf sich nehmen. Wenn es Parteien wie die SPD nicht machen, dann macht es keiner. Das ist die Verantwortung der Sozialdemokratie für die Welt. ‚Liebe zur Welt‘ hat das die Philosophin Hannah Arendt einmal genannt. Sozialdemokraten sind eigentlich keine reinen Vernunftmenschen, sie sind zumeist und zuallererst Herzmenschen. Diesen emotionalen Antrieb müssen die Sozialdemokraten nun wieder in sich selbst entdecken und nach vorne tragen. Für die SPD bedeutet das einen radikalen Bruch und einen radikalen Aufbruch.“

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Orfried Höffe: Ehrlichkeit in der Politik – Neue Züricher Zeitung

„Eingeschränkte Transparenz ist erstens nur vorübergehend, mithin als zeitverschobene «Doch-Transparenz» zulässig. Sie ist zweitens bloss dort erlaubt, wo das Gemeinwohl es erfordert. Drittens muss man seinem politischen Gegner im analogen Fall dasselbe Recht zugestehen, und die Einschränkung der Transparenz muss sich im Nachhinein vor der Öffentlichkeit rechtfertigen lassen. Bei einer derart aufgeschobenen Transparenz folgt man drei berühmten Maximen Kants: selber denken; an der Stelle jedes anderen denken; mit sich einstimmig denken. Zugleich hilft man, die Demokratie zukunftsfähig zu halten. Die aufgeschobene Transparenz ist jedenfalls von Intransparenz streng verschieden. Dort wird die Transparenz nur verzögert; hier findet sie gar nicht statt, was einen vierten Grundsatz aufdrängt: Intransparenz etwa aus Paternalismus, weil man es besser weiss als das angeblich nicht ganz mündige Volk, darf es nicht geben. Schon die Frage, wie viel Transparenz das Publikum verträgt, ist einer demokratischen Öffentlichkeit nicht würdig.“

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Niko Switek: „Die Parteien nehmen den Wählerwillen ernst“ – Süddeutsche Zeitung

„Rein demokratietheoretisch ist das, was wir gerade erlebt haben, in Teilen vielleicht sogar zu begrüßen. Immerhin haben die Gespräche gezeigt, dass die Parteien eine Schmerzgrenze haben. Dass sie nicht, wie man ihnen allenthalben vorwirft, inhaltlich austauschbar sind. Das ist ein nicht zu unterschätzendes Signal an alle, die – wie beispielsweise die AfD – allzu leichtfertig von einer „politischen Elite“ sprechen, die sich nur noch durch Konsenssauce und Beliebigkeit auszeichnet. Ich denke, die Sondierungen haben gezeigt: Die Parteien nehmen den Wählerwillen durchaus ernst. Sie gehen inhaltlich nicht leichtfertig damit um. Das ist ein essentielles Zeichen. […] Man könnte ja umgekehrt auch sagen, dass es ein möglichst breites Bündnis braucht, um eine gerade sehr diverse Gesellschaft abzubilden. Wenn Jamaika funktioniert hätte, wären ja tatsächlich viele von den Positionen vertreten, die es in der Gesellschaft gibt. Ich würde aber eher dazu raten, das Scheitern als Chance zu begreifen. Sollte es tatsächlich Neuwahlen geben, hat der Wähler durch die intensiven Sondierungen doch viele Einblicke ins Innenleben der Parteien gewonnen.“

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Gabor Steingart: Umfallen für Deutschland – Handelsblatt

„Die wahren Freunde der SPD sitzen bei der Union, denn deren Vorsitzende ist williger als willig, auf die Forderungen der Genossen einzugehen – mehr Europa, weniger Rüstung und ein paar Extra-Milliarden für den Sozialstaat. Da die Kanzlerin dringend einen Partner braucht, geht es in Berlin zu wie auf dem Ball der einsamen Herzen. Jeder weiß: Die Musik wird gleich aufhören zu spielen, da schmiegt man sich lieber aneinander. Alles ist besser als die Einsamkeit. Es gilt das umgekehrte Lindner-Motto: Lieber schlechter Sex als gar keiner. […] Auf die gewendete SPD wartet ein Wunschkonzert der Posten und Pöstchen. Sigmar Gabriel darf Außenminister bleiben, was die Mehrzahl der Deutschen als Bereicherung und nicht als Zumutung empfindet. Vier weitere Kabinettsposten und vielleicht sogar ein zusätzlicher Finanzminister ließen sich rausschlagen. So funktionieren die Top-Bonus-Programme der Politik. Die SPD als neuerlicher Merkel-Juniorpartner hätte sich einen Treuerabatt redlich verdient. […] Um die Zustimmung der Abgeordneten der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion muss man sich keine Sorgen machen. Sie hassen Neuwahlen. Die Abgeordneten verlieren lieber ihr Gesicht als ihren Job.“

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#MeToo: „Moralischer Totalitarismus“ oder Aufklärung? – Deutschlandfunk Kultur

„Unter dem Hashtag #MeToo berichten seit mehreren Wochen unzählige Frauen von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung oder Missbrauch – meist anonym, teilweise aber auch unter Nennung der Beschuldigten, für die das existentielle Konsequenzen haben kann, wie der Fall Kevin Spacey zeigt. Unsere Studiogäste sind unterschiedlicher Ansicht, ob es um notwendige Aufklärung geht oder einen neuen moralischen Totalitarismus, wie die Schriftstellerin Thea Dorn kürzlich im Deutschlandfunk Kultur beklagte. Ein Vorwurf, den der Publizist Georg Diez in seiner Kolumne wiederum als „Grabplatte“ für eine sinnvolle Debatte bezeichnete.“

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Bassam Tibi: Aufklärung und Kulturrelativismus vertragen sich nicht – Neue Züricher Zeitung

„In seinem Grundsatz-Essay ‚Die Barbaren, sie lauern überall‘ hat Feuilletonchef René Scheu das heute florierende geistig-hegemoniale Bündnis sogenannter ‚Progressiver‘ mit Dritte-Welt-Propheten einer rationalen Kritik unterzogen. Seine Hauptthese: Sie beide setzen durch einen Kulturrelativismus das Erbe von Vernunft und Aufklärung wider Willen aufs Spiel. Der St. Galler Philosophieprofessor Dieter Thomä widersprach in einer geharnischten Replik, in der er Scheus Kritik an den ‚Progressiven‘ zurückweist. Dabei erhebt Thomä den Vorwurf, Scheu wolle die Aufklärung verteidigen, aber sein Beitrag unterbiete sie sogar entschieden, weil er nicht bedenke, dass auch die Aufklärer auf ihre Weise progressiv dachten. In beiden Texten geht es – direkt und indirekt – um den weissen Mann als Symbol des europäischen Denkens. Sind Aufklärung und Vernunft sein Verdienst und sein Privileg – oder sind sie seine Anmassung? Ich bin ein gelbhäutiger muslimischer Westasiate aus Damaskus und möchte in diesen Disput eingreifen.“

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Frühe Fremdbetreuung in der DDR: Erfahrungen mit der Krippenerziehung – Deutschland Archiv

„Die staatlich erwünschte und geförderte Erziehungspraxis besaß ein doppeltes Gesicht: Einerseits boten die zahlreichen Institutionen von Geburt an Eltern und Kindern einen stabilen Rahmen, preisgünstige, gruppenbezogene Strukturen, auf die man jederzeit zurückgreifen konnte. Kein Kind war ohne Aufsicht. Andererseits entwickelten sich Kontrollmöglichkeiten bis in die Familie hinein, was dazu führte, dass Eltern ihre Erziehungsverantwortung abgeben konnten, ja fast abgeben mussten. Das minderte ihre Fähigkeit, Vorstellungen vom Innenleben ihres Kindes zu entwickeln, sein Selbstempfinden zu achten und sein individuelles Entwicklungsprofil zu schützen. Ob sie sich deshalb austauschbar erlebten und den Verlust, den ihr Kind empfand, wenn es in andere Hände kam, so wenig nachfühlen konnten? Die frühe Sozialisation in der DDR wurde für den größten Teil der Kinder durch eine öffentliche Früherziehung geprägt, in der ‚Planerfüllung‘ vor Beziehungsgestaltung stand. Das hatte zur Folge, dass emotionales Lernen erschwert wurde. Zu wenig Beachtung fanden Trennung und Verlust. Wenn wir die Qualität früher Entwicklungsbedingungen daran messen, inwieweit ‚Übergangsräume‘ zur Verfügung gestellt werden, die eine individuelle Entwicklung zulassen, dann waren sie als schlecht einzuschätzen. Aber es gab auch Eltern, die ganz bewusst dafür sorgten, dass solche Erfahrungsräume entstanden, sich um eine Beziehung bemühten, die eigenes Erleben und Autonomie förderte. Sie gaben ihre Kinder später oder nur wenige Stunden in die Krippe oder wechselten sich in den ersten Jahren zu Hause ab und nahmen dafür finanzielle und moralische Einbußen in Kauf. Ebenso gab es auch Erzieherinnen, die sich über die programmierte Erziehung hinwegsetzten, um Kindern zu ermöglichen, ihr individuelles Tempo zu leben und ganz eigene Erfahrungen zu machen.“

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++ Anmerkung zur Presseschau ++

 

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