Presseschau KW 02/18

++ Vorgekautes Denken ++ Ist es okay, dass Ihre Dolmetscherin weiblich ist? ++ Verrohte Sprache macht Diskurs unmöglich ++ Kinder mit Bärten ++ Die Geschichte relativiert die heutige Flüchtlingskrise ++ Aus dem Panikraum für die Pressefreiheit ++ Was ich mache, als verhaltenstherapeutische Maßnahme bezeichnen ++ Es geht um Ihren Sohn. Er ist bei einem Verkehrsunfall gestorben. ++

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Digitales Geistesleben: Vorgekautes Denken – Süddeutsche Zeitung

„Der langjährige Google-Chef Eric Schmidt formulierte 2005 das Ziel, für jede Suchanfrage nur noch einen Treffer anzuzeigen. ‚Wir sollten in der Lage sein, sofort die richtige Antwort zu geben. Wir sollten wissen, was jemand meint.‘ Hinter dem kognitiven Kapitalismus, der Gedanken und Gefühle zu Geld macht, scheint die Dystopie einer Gedankenpolizei auf. Google-Chefentwickler Ray Kurzweil entwarf die Utopie einer Suchmaschine, die wie ein „kybernetischer Freund“ und Helfer operiere. ‚Ich strebe an, dass in ein paar Jahren die Mehrheit der Suchanfragen beantwortet werden können, ohne dass man danach fragt‘, sagte er. Man muss gar nicht mehr fragen, und man soll auch keine kritischen Fragen stellen (‚Don’t be evil‘) – die Daten sind aussagekräftig genug. Die Automatisierung des Denkens, die zwischen jeder Programmierzeile zu lesen ist, ist nicht nur ein antiaufklärerisches Vorhaben, sondern auch ein Einfallstor für Autoritarismus. Wo Antworten schon a priori feststehen, ist man von absoluten Wahrheiten nicht weit entfernt. Wenn Schmidt behauptet, Mehrfachantworten seien ein ‚Bug‘, also ein Fehler im System, ist das eine Absage an jede Form von Meinungspluralismus. Im Google-Land besitzt nur eine Antwort Gültigkeit. Es bleibt die Frage, ob der neue Autoritarismus auf der Welt durch Algorithmen, die im Kern ein autoritärer Modus sind, verstärkt wird. Fakt ist aber, dass die antipolitischen Unterströme aus dem Silicon Valley und die Aushöhlung des kritischen, reflektierenden Denkens autoritären Bewegungen in die Hände spielen.“

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Ist es okay, dass Ihre Dolmetscherin weiblich ist? – Berliner Zeitung

„Die junge Frau entscheidet, welcher sogenannte Flüchtling ein veritabler Flüchtling ist, gemäß Grundgesetzartikel 16a oder Genfer Flüchtlingskonvention. Vor der Anhörung fragt sie jeden Asylbewerber, ‚ob es für Sie in Ordnung ist, dass ich als weibliche Person hier sitze und auch Ihre Dolmetscherin weiblich ist‘. Falls nicht übernähme womöglich ein männlicher Kollege. Das regt meine Fantasie an. Denn auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzen ja Menschen, die allesamt – das habe ich von Claudia Roth gelernt – soeben größter Not und Lebensgefahr entronnen sind. So ähnlich muss es beim Untergang der Titanic auch zugegangen sein: ‚Mylord, würden Sie sich auch von einem Matrosen ins Rettungsboot ziehen lassen oder lieber warten, bis der Kapitän vorbeikommt?‘ […] Stattdessen erhalten die Antragsteller nun womöglich das Gefühl, in eine wunderbar bekiffte Gesellschaft geraten zu sein, wo eine Staatssekretärin sich durch ein biederes Kompliment entehrt fühlt, während eine andere Staatsbedienstete ihnen erstens ungefragt mitteilt, dass sie nicht unbedingt mit Frauen reden müssten, und zweitens nur einen Schritt davon entfernt scheint, sich dafür zu entschuldigen, dass sie gerade ohne Erlaubnis ihres Gatten einer Berufstätigkeit nachgeht. Vieles von dem, was mich in Migrationsdingen auf die Palme bringt, hat nichts mit Zuwanderern zu tun, sondern mit extrem wohlmeinenden Leuten, die schon länger hier leben. Die meisten Neuankömmlinge benehmen sich wie pragmatische, realitätsbezogene Menschen. Das, und so lautet mein Wunsch fürs neue Jahr, würde ich von manchen ihrer einheimischen Fürsprecher auch gern mal sagen.“

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Elisabeth Wehling: „Verrohte Sprache macht Diskurs unmöglich“ – Handelsblatt

„Dieser Verrohung muss man etwas entgegensetzen, sonst ist kein politischer Diskurs möglich. Es ist aber sinnvoller, diese Sprache und den Art des Umgangs im Rahmen einer anderen Debatte zu äußern, anstatt sich auf diesen einen Tweet zu fokussieren, dessen Inhalt dadurch viel zu viel Aufmerksamkeit erhält. Wer darüber liest oder das immer wieder im Radio hört, kann sich gar nicht dagegen wehren, dass da etwas hängen bleibt. Weder Sie noch ich sind dagegen gefeit, dass das, was wir gesagt bekommen oder selbst sagen, etwas mit uns macht – in dem Moment, wo wir es hören, können wir es nicht mehr managen. […] Auch wenn sie im Radio über diesen Tweet diskutieren und ich höre, es gebe doch keine grapschenden Migrantenmobs in Deutschland, habe ich sofort das Bild von grapschenden Migrantenmobs im Kopf – die Negierung kann mein Gehirn sich nicht vorstellen. Man kann nicht ’nicht‘ denken: Wenn ich Ihnen sagen, denken Sie jetzt nicht an Alexander Gaulands Hundekrawatte, dann denken Sie sofort an diese Hundekrawatte. So wird durch das ständige Wiederholen dieser Tweets in den Köpfen das Bild von grapschenden Migranten zementiert. […] Wenn es tatsächlich so käme, dass das Verrohte und Gewalttätige in der Sprache zunimmt, dann würde das ein demokratisches und wohlwollendes Miteinander verhindern. Wer gute Politik macht, muss verstehen können, wo der politische Gegner herkommt. Man muss die Werte des Gegenübers nicht teilen, aber man muss sie anerkennen und ihn dafür ernst nehmen. Ich sehe allerdings in Deutschland noch viele Politiker, die respektvoll und anständig miteinander umgehen, und glaube nicht, dass dieser Trend das Gros der Politik betrifft.“

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Altersfrage bei Flüchtlingen : Kinder mit Bärten – Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Er hatte Bartwuchs, trug Anzüge und Parfum. Er war zwar nicht sehr groß, aber doch ein ausgewachsener Mann. In der Schule war allen klar, dass er nicht zwölf Jahre alt ist. Aber seine Familie hatte es im Asylverfahren so angegeben. Geburtsdatum 1. 12. 2004. Wahrscheinlicher war, dass er schon volljährig war. Am Nikolaustag im Jahr 2016 kam er zum ersten Mal zum Unterricht. Die Oberschule im Süden Berlins war seine sechste Station. Warum er so oft die Schule gewechselt habe, wurde er gefragt. Er sei oft umgezogen. Schon am ersten Tag stürmte er mitten im Unterricht aus dem Klassenzimmer. Er war aggressiv, aber auch sehr manipulativ. Er berichtete von seinem „Schultrauma“: Bomben hätten seine Schule im irakischen Mossul getroffen. Er kam nur unregelmäßig zum Unterricht und nutzte die Schule, um Drogen zu verkaufen. Immer warteten Leute auf ihn, immer tauschte er etwas aus und ließ sich von den Lehrern nicht erwischen. Er war oft zugekokst, hatte Mädchen und drei Rechtsanwälte. Das ging so weiter, bis der Krankenwagen vor der Schule stand. Schlägerei. Drei Schüler waren bereit, gegen Abbas R. auszusagen. Welche Waffen er stets mit in die Schule brachte zum Beispiel: Schlagring, Schlagstock, Elektroschockgerät, Messer und Pfefferspray. Wie er andere Schüler angegriffen hat. Die Zeugen waren auch Flüchtlinge, zwei afghanische Jungs und ein ägyptisches Mädchen. Abbas war nach der Schlägerei selbst verletzt und lag im Krankenhaus. Er saß mit dem Handy im Bett und drohte seinen Mitschülern, wollte sie von ihrer Zeugenaussage abbringen. Die gesamte Flüchtlingsklasse war wochenlang völlig aufgelöst, an Unterricht nicht zu denken.“

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Philipp Ther: „Die Geschichte relativiert die heutige Flüchtlingskrise“ – Süddeutsche Zeitung

„Ein Fehler von damals droht sich allerdings gerade zu wiederholen: Bei den Gastarbeitern hat man sich lange der Illusion hingegeben, dass man sie nicht integrieren muss, weil sie wieder in ihre Heimat zurückgehen würden. Es gab kaum Förderprogramme wie Sprachkurse oder spezielle Stipendien. Die Integration hat dann wesentlich später begonnen, als sie hätte beginnen können. […] Ich befürchte, dass man sich einer ähnlichen Illusion wie damals hingeben könnte . Angela Merkel sagte Anfang 2016 in einer Rede in Neubrandenburg: ‚Wir erwarten, dass, wenn wieder Frieden in Syrien ist und wenn der IS im Irak besiegt ist, dass Ihr auch wieder, mit dem Wissen, was Ihr jetzt bei uns bekommen habt, in Eure Heimat zurückgeht.‘ In Österreich hat sich die neue schwarz-blaue Koalition grundsätzlich von der Integration von Flüchtlingen abgewandt. Dort steht im neuen Regierungsprogramm: Asyl ist nur Schutz auf Zeit. […] Natürlich ist es für den Wiederaufbau Syriens nicht gut, dass sich die Hälfte der syrischen Akademiker in der EU aufhält. Zugleich muss man jedoch davon ausgehen, dass viele Syrer hier bleiben werden. Ich bin überzeugt, dass man einen Fehler macht, wenn man glaubt, dass man die Flüchtlinge gar nicht zu integrieren braucht, weil sie alle zurückkehren werden. Wir wissen es besser aus der Vergangenheit.“

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Charlie Hebdo: Aus dem Panikraum für die Pressefreiheit – Der Tagesspiegel

„Drei Jahre danach ist auf dem Titel des Blatts ein Bunker zu sehen, auf dessen Tür „Charlie Hebdo“ steht, zur Zeichnung von Riss heißt es: ‚Drei Jahre in einer Konservendose‘. Im Leitartikel dazu beklagt dieser, dass Meinungsfreiheit zum ‚Luxusprodukt wie ein Sportwagen‘ wird. Denn von Freiheit ist in der Redaktion keine Rede. Kurz nach dem Anschlag kam die Zeitung einige Monate bei der französischen Tageszeitung ‚Libération‘ unter, doch seit über zwei Jahren hat sie geheime Redaktionsräume im 13. Arrondissement im Süden von Paris bezogen. Diese erinnern mit Sicherheitstüren und Codes an Fort Knox und werden von privaten Sicherheitskräften bewacht. Riss betont, dass die Kosten für den Schutz der Mitarbeiter enorm sind, pro Jahr müssen 800 000 Exemplare verkauft werden, um die Kosten zu decken. Die Bewachung verschlingt eine bis 1,5 Millionen Euro pro Jahr, jede zweite Ausgabe finanziert diese. Riss fragt sich, was aus der Zeitung wird, wenn sie dazu nicht mehr die Mittel hat. Die Zahl der Abonnenten stieg nach dem Attentat auf 190 000, ist aber wieder auf 30 000 abgesunken. Das Blatt hat allerdings ein riesiges finanzielles Polster. Im Jahr 2015 wurde ein Rekordumsatz von 60 Millionen Euro gemacht, im Jahr 2016 immerhin noch 19,4 Millionen.“

Sie werden täglich mit dem Tod bedroht – Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Mehr als fünf Millionen Menschen waren am Sonntag nach dem Anschlag in Frankreich auf die Straße gegangen. Von ‚Je suis Charlie‘ ist wenig geblieben. Die Zeitschrift zieht eine resignierte Bilanz. Zum Streit ums Geld kommt die Identitätskrise. Der Preis für die Verteidigung der Pressefreiheit im Bunker ist hoch. Die deutsche Ausgabe ist wieder eingestellt worden. Die Polizei will ihre Untersuchungen im Frühjahr abschließen. Beim Prozess werden wohl dreizehn Personen vor Gericht stehen. Die meisten wegen logistischer Hilfe für die Terroristen. Weiter sind die Ermittler nicht gekommen. Über die Brüder Kouachi, die nach dem Attentat in der Redaktion fliehen konnten, hat die Polizei wenig herausgefunden. Es ist nicht einmal gelungen, die Herkunft der Waffen zu eruieren, mit denen die Täter das Blutbad anrichteten. Auch über ihre Abstimmung mit Amedy Coulibaly, der zwei Tage später im jüdischen Supermarkt ‚Hyper Cacher‘ fünf Menschen tötete, gibt es kaum Erkenntnisse. Immerhin sind die Videos, welche die Terroristen von ihren Anschlägen machten und verschickten, nie in der Öffentlichkeit aufgetaucht.“

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Armin Nassehi: „Was ich mache, als verhaltenstherapeutische Maßnahme bezeichnen“ – RiffReporter

„Ich finde, die Aufgabe eines Wissenschaftlers in und für die Öffentlichkeit kann sich nicht darin erschöpfen, lediglich in komplizierte Sätze zu verpacken, was alle schon wissen. Es kommt darauf an, Schlussfolgerungen auszusprechen, die im Zweifel dem, was man gern gesagt hätte, zuwiderlaufen. Neulich habe ich das wieder so erlebt, als ich in einem Spiegel-Artikel angemerkt habe, die Präsenz der AfD im Bundestag sei im Grunde ein sehr demokratischer Vorgang. Das hört sich vielleicht so an, als wolle ich die Politik der AfD rechtfertigen – und mit diesem Vorwurf hat sich meine Mailbox ordentlich gefüllt) – aber das ist Unsinn. Es geht mir als Soziologe nicht um die normative Frage, ob ich Antidemokraten im Bundestag sehen will oder nicht, sondern ich muss erklären, was deren politischer Erfolg bedeutet und ob man das soziologisch erklären kann. Erkenntnisse müssen manchmal unbequem sein. […] Aber es stimmt schon, ich bin nicht so der typische kulturlinke Sozialwissenschaftler, der vor allem als semantischer Verstärker des eigenen Milieus auftreten will. Wenn sich einige Kollegen wie immer wieder über mangelnde öffentliche Resonanz beklagen, liegt das vielleicht ja auch daran, dass sie primär politisch-normativ argumentieren – oder eben nur Reflexionen des eigenen Milieus zum besten geben. Diese Tendenz ist derzeit sehr stark. Ich sehe meine öffentliche Rolle als Wissenschaftler darin, den Menschen nicht nur eine Bestätigung ihrer Weltsicht zu bieten, sondern Kontraintuition, eine Abweichung von dem, was sie erwarten. Abweichungsverstärkung, auch von den Erwartungen des eigenen Milieus, ist vielleicht das stärkste Erkenntnismittel.“

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Krisenintervention: „Es geht um Ihren Sohn. Er ist bei einem Verkehrsunfall gestorben.“ – Zeit-Online

„Direkt, ohne Grausamkeiten und schrittweise: Die Psychologin Angélique Mundt überbringt mit Polizisten Todesnachrichten. Ein Gespräch über Dinge, die keiner hören möchte.“

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++ Anmerkung zur Presseschau ++

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