Presseschau KW 11/18

++ Die Gesellschaft der Singularitäten ++ Halbstark, Oh Baby Baby, Halbstark ++ Das große Nein ++ Aus Ankara gesteuert ++ Warum ich in Talk Shows nicht über Esoterik diskutiere ++ Wo politische Meinung aufhört und Wahnsysteme anfangen ++ Der Turm und die Meinung ++ Trump hat Recht ++

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Andreas Reckwitz: „Die Gesellschaft der Singularitäten“ – Deutschlandfunk Kultur

„Wie hat sich eigentlich diese Sozialstruktur bei der Auseinanderentwicklung, die wir uns gerade angeschaut haben, ausgewirkt auf die politischen Konfliktlinien? Man spricht ja in der Politikwissenschaft häufig von Konfliktlinien oder ‚cleavages‘, also dass das politische Feld, auch die politischen Einstellungen in der Bevölkerung entlang bestimmter Konfliktlinien strukturiert sind. Und die klassische Konfliktlinie ist natürlich links/rechts, gewissermaßen die Unterprivilegierten auf der einen Seite, die aufsteigen wollen, die ihre Rechte einfordern, und auf der anderen Seite diejenigen, die eigentlich mit dem zufrieden sind, was sie haben, und das gerne bewahren wollen. Das ist ja die klassische Links-Rechts-Unterscheidung, auch im Sinne von Arbeit versus Kapital – Das war ja die Geburtsstunde der Sozialdemokratie – und auf der anderen Seite dann die konservativen Parteien, die einen anderen Part gewissermaßen bespielt haben. Aber diese Links-Rechts-Unterscheidung gibt’s natürlich auch weiterhin. Die ist ja nicht verschwunden, aber sie ist im Grunde in den letzten Jahrzehnten überlagert worden durch eine neue Konfliktlinie. Und die hat auch mit der Entstehung der neuen Mittelklasse zu tun. Wir sprechen da ja auch von einer Konfliktlinie zwischen Globalisten oder Kosmopoliten einerseits und Kommunitariern auf der anderen Seite.“

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Halbstark, Oh Baby Baby, Halbstark – Salonkolumnisten

„Was damals erreicht wurde, war ein Durchbruch, war ein mehr an persönlicher Freiheit und die Grundlage für alle weiteren Entwicklungen, die es seit damals in den Bereichen der Sub- und Jugendkulturen gegeben hat. Die Basis für Sex, Drugs and Rock ’n‘ Roll wurde Mitte der 50er Jahre gelegt und veränderte die Gesellschaft stärker als die ‚Ho! Ho! Ho Chi Minh‘-Rufe ein gutes Jahrzehnt später. Sehen wir heute die 68er mit den Plakaten von Diktatoren wie Mao, Lenin oder Castro durch die Straßen ziehen, kommt uns das fremd vor, ist es wie ein Nachklang aus einer längst untergegangenen Welt. Babam Bam – ‚One, two, three o’clock, four o’clock rock‘ hingegen ist nach wie vor ein Versprechen – wenn nicht auf ein wildes Leben, so doch auf eine wilde Nacht. Beides ist besser als ein Gulag.“

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Interview mit Heinz Bude über die 68er: Das große Nein – Der Tagesspiegel

„Die evolutive Bedeutung von 1968 wird überschätzt. Ich glaube nicht, dass wir ohne Dutschke weniger freie Sitten hätten. Die Sex-Frage war schon vor 1968 gestellt worden, denken Sie an Oswalt Kolle, an Hildegard Knef, den ganzen lakonischen Sex der Flakhelfergeneration. 1968 war auch nicht das Jahr, das die Demokratie befestigt hat. Die Demokratie als Verfahrensdemokratie nach westlich-angelsächsischem Vorbild ist nicht das Werk dieser Generation, da ist Horst Ehmke wichtiger als Rudi Dutschke. Und über ‚Unser Auschwitz‘ hat Martin Walser 1965 im „Kursbuch“ geschrieben. Die Republik würde heute nicht anders aussehen, aber vielleicht hätten wir Spielführer wie Gerhard Schröder und Joschka Fischer nicht in der Politik gehabt.“

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„Aus Ankara gesteuert“ – Zeit-Online

„Bei Ditib hat sich nichts geändert. Der Verband ist immer noch ausführendes Organ Ankaras. Aus der Satzung lässt sich ablesen, wer das Sagen hat: der türkische Staat, über die Religionsbehörde Diyanet mit Sitz in Ankara. Das war seit der Gründung 1984 so. Nur fällt es heute stärker auf. Früher galt der türkische Staatsislam als moderat, aber er hat sich bedenklich entwickelt. […] Gewählt haben vor allem türkische Staatsbeamte, die extra eingeflogen wurden. Der neue Vorstand ist ebenso wenig unabhängig wie der alte Vorstand. Darunter sind drei Beamte aus der Türkei. Auch in vielen Gemeinden ist kein Sinneswandel erkennbar. Vor wenigen Wochen wurde in einigen Moscheen für den Sieg der türkischen Armee gebetet, ihr Vormarsch gegen die Kurden als Heiliger Krieg bezeichnet. Man muss sich fragen, ob Ditib noch eine religiöse Organisation ist oder eher eine politische. Ich verstehe nicht, wie man mit diesen Funktionären unverändert weiterverhandeln kann. So hat ein aus Ankara gesteuerter Verband Einfluss auf die Berufung von Professoren an einer deutschen Universität.“

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Florian Freistetter: Warum ich in Talk Shows nicht über Esoterik diskutiere – Science Blogs

„Immer wieder mal werde ich gefragt, ob ich in Talk Shows zu Themen wie Astrologie, Homöopathie oder anderer Pseudowissenschaft als Gesprächspartner teilnehmen will. Solche Anfragen sage ich ab; meistens, weil ich keine Zeit habe. Aber selbst wenn ich die Zeit hätte, würde ich nicht an solchen Gesprächsrunden teilnehmen. Weil ich der Meinung bin, dass diese Art der Diskussion überhaupt nicht im Fernsehen stattfinden sollte. Weil man dort als Vertreter einer rationalen Weltsicht nur verlieren kann. Und weil man dort mit einer Teilnahme nichts erreichen kann. Aber muss man dem Unsinn, der Pseudowissenschaft und der Esoterik nicht etwas entgegensetzen? Muss man den Homöopathen, Astrologen und anderen Lobbyisten der Irrationalität nicht auch öffentlich widersprechen? Muss man nicht die falschen Ansichten richtig stellen und den ganzen Quatsch aufklären? Ja, das muss man natürlich. Aber all das funktioniert nicht in den üblichen Talk-Sendungen im Fernsehen. Und weil das meiner Meinung nach ein wirklich wichtiges Thema ist, möchte ich das ein wenig genauer begründen.“

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Uwe Tellkamp in der Kritik: Wo politische Meinung aufhört und Wahnsysteme anfangen – Süddeutsche Zeitung

„Weil hier das liberale Dilemma berührt ist, dass es einfach Grenzen zwischen Meinung und Ressentiment, zwischen konservativen politischen Positionen und Wahnsystemen gibt – dass aber bloß keiner der sein will, der solche Grenzen definiert. Man will unter keinen Umständen ‚auf dem moralischen Hochsitz‘ (Ulf Poschardt) erwischt werden. Nur führt diese feine Angst vor dem Richtertum dazu, dass es doch wieder nur um Diskursdebatten geht und nicht um die Sache – exakt das aber ist die Strategie der Ressentimentparteien.“

Der Turm und die Meinung – Jüdische Allgemeine

„Daraufhin hat sich der Suhrkamp-Verlag, der Tellkamps Bücher verlegt, von diesen Äußerungen, wohlgemerkt nicht von seiner Person, distanziert. Der Verlag hat damit genau das getan, was Tellkamp und andere, die ähnlich denken und sprechen wie er, im Niedergang sehen: Er hat sein Recht auf freie Meinungsäußerung ausgeübt. Tellkamp beklagt unter anderem, dass seine Meinung erduldet, aber nicht erwünscht sei. Nun, das Recht auf freie Meinungsäußerung geht nicht mit dem Versprechen einer – im Auge des Meinungsäußerers – angemessenen Reaktion einher. Sprich: Man darf alles sagen, aber man wird nicht immer dafür von allen beklatscht. Und manchmal erzeugt man eine Reaktion, eine Gegenmeinung. Das ist kein Denkverbot, das nennt man Debatte oder, wenn man größer denkt, sogar Demokratie.“

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US-Strafzölle – „Trump hat Recht“ – Heute

„Als Deutschland Anfang der 1980er Jahre zwei Jahre ein Defizit hatte, da taten alle so, als würde die Welt untergehen. Aber wir verlangen vom Rest der Welt, für immer mit Defiziten zu leben, damit die deutsche Wettbewerbsfähigkeit immer weiter wachsen kann. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das geradezu zu einem Mantra erhoben. Wer aber Überschüsse produziert, schafft Arbeitsplätze, Einkommen und Gewinne auf Kosten anderer Länder. […] Deutschland verschafft sich im globalen Handel ja nicht allein durch die Qualität seiner Produkte Vorteile gegenüber seinen EU-Partnern, den USA und anderen Ländern. In den vergangenen 15 Jahren sind die Löhne in Deutschland weit hinter der Produktivität zurückgeblieben. Wir erreichen die Vorteile gegenüber anderen Volkswirtschaften durch Lohndumping. […] Die EU muss sich im Rahmen der G20, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung oder der Vereinten Nationen mit den anderen Staaten beraten, wie sie ihre Überschüsse abbauen kann. […] Die Binnennachfrage muss wachsen, denn bislang erwirtschaftet die deutsche Wirtschaft ihre Gewinne vor allem mit dem Export. Die Binnennachfrage kann wachsen, wenn die Löhne steigen. Und der deutsche Staat muss Geld in die Hand nehmen, um die Infrastruktur zukunftssicher auszubauen – nicht nur mit diesen lächerlichen 45 Milliarden Euro wie im Koalitionsvertrag festgeschrieben, sondern mit 150 Milliarden oder 250 Milliarden Euro.“

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++ Anmerkung zur Presseschau ++

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