Presseschau KW 13/18

++ Die neue Sehnsucht nach dem Gestern ++ Was am Ende zählt ++ Halt die Fresse, du Schlampe ++ Weimarer Kulturkrieg ++ Was in China geschieht, ist neu in der Weltgeschichte ++ Der Kern des Problems ++ Heino steht in der Mitte der Gesellschaft ++ Misslungene Symbolpolitik ++ Pfüat di Gott, Auerhahn? ++ Woher kommt der Judenhass an Berliner Schulen? ++ Merkels Position zum Islam ist genauso undifferenziert ++ Wir wurden verteufelt, beschimpft und mit dem Tode bedroht ++ Uwe Tellkamps Wutausbruch war kein Ausrutscher ++ Alexander Grau „Hypermoral“ ++

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Thomas Schmid: Die neue Sehnsucht nach dem Gestern. Teil 1 – Ex-Linke auf der Suche nach neuer Gemeinschaft – Welt

„Eine besondere Pointe dieser Transformation des öffentlichen Diskurses in die Philisterei besteht darin, dass hier das gesunkene Gedankengut von ‚1968‘ mächtig und stur weiterwirkt. Dieses war ja einmal antiautoritär gewesen: keine Doktrin, kein Meinungszwang, viele Blumen sollten blühen. Auf dem Weg durch die Institutionen verlor sich aber diese freie Haltung, ein Prozess der Verknöcherung setzte ein. Von ihm zeugen die hessischen Rahmenrichtlinien von 1972 ebenso wie später der erziehungsdiktatorische Hang der frühen, der mittleren und teilweise auch noch der heutigen Grünen. Der Linken ist es 2015, 2016 und 2017 nicht gelungen, im Diskurs über Flüchtlinge zu beweisen, dass sie Chancen und Risiken abzuwägen weiß und imstande ist, sich ergebnisoffen in Debatten zu begeben. Das Erbe von ‚1968‘ steht heute nicht nur, aber doch in beträchtlichem Ausmaß für Überheblichkeit, Besserwisserei und die mangelnde Bereitschaft, sich auf eine komplizierte Wirklichkeit einzulassen. Es gibt gute Gründe, sich darüber zu ärgern oder zu empören. Man muss deswegen aber nicht zu dem Schluss kommen, wir lebten in einer Gesinnungsdiktatur. Das ist so unterkomplex wie falsch. Warum aber richten sich die neuen und alten Freunde der Nation, der Volksgemeinschaft, der Grenzschließung so gemütlich in dieser selbsterfundenen und prächtig ausgestatteten Opferecke ein? Warum werden sie zu einer One-Point-Group, die immer nur „Flüchtlinge, Grenzen, Nation, Souveränität“ ruft und alle anderen Probleme dieser wahrlich problemreichen Wirklichkeit konsequent ausblendet? Warum versimpeln sie sich so? Warum geben sie sich so lustvoll einer defensiven, aber verdruckst aggressiven Weinerlichkeit hin?“

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Kurz vor dem Tod: Was am Ende zählt – taz

„Menschen, die im Hospiz die Zeit bis zu ihrem Tod verbringen: Sie sehen mit anderen Augen, was wichtig ist. Fünf Protokolle.“

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Franzi von Kempis und Bernhard Pörksen über Kommunikation im Netz: „Halt die Fresse, du Schlampe“ – chrismon

Bernhard Pörksen: Ja, eines Morgens im Herbst 2000 las ich beim Bäcker auf Seite 1 der „Bild“: „Neonazis ertränken Kind. Am helllichten Tag im Schwimmbad. Keiner half. Und eine ganze Stadt hat es totgeschwiegen“, und ich dachte sofort: So weit ist es gekommen! Ich bekam damals Drohbriefe wegen meiner Doktorarbeit über Rechtsextreme und war kurz zuvor von zwei Skinheads verfolgt worden. Es gab also eine Folie persönlicher Erlebnisse, auf deren Basis ich all das las. An der ganzen Geschichte war jedoch nichts dran. Aber ich habe sie damals geglaubt, weil sie meinen eigenen Vorurteilen und Urteilen entsprach. Franzi von Kempis: Mir passiert so etwas eher mit positiven Themen; zum Beispiel dieses Bild, das auf Social Media kursierte. Es zeigt ein Wolfsrudel, das immer die schwächsten Wölfe vorne laufen lässt – angeblich. Ich WILL glauben, dass die Starken die Schwachen schützen. Aber ich bekam schnell mit, dass das Schwachsinn war. Pörksen: Wir Menschen sind bestätigungssüchtig und wollen Belege für das, was wir ohnehin glauben, deshalb funktioniert Desinformation so gut. Falschnach­richten sind nichts Neues, aber heute entfalten sie eine andere Macht: In das weltumspannende Netz lassen sich barriere­frei jede Menge Fake News und Gerüchte einspeisen. von Kempis: Ich finde es wichtig, zu unterscheiden und nicht alles direkt Fake News zu nennen. Es gibt Falschnachrichten, es gibt falsch berichtete Sachen, es gibt Gerüchte und es gibt Fake News, die absichtlich in die Welt gesetzt werden, also Desinformation oder Propaganda.“

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Weimarer Kulturkrieg – Zeit-Online

„Den elegant gekleideten Redner, der eigens aus München angereist ist, würden heutige Kommentatoren vermutlich als ‚Gutmenschen‘ bezeichnen. In geschliffenen Formulierungen verteidigt er die Weimarer Republik, er warnt vor völkischem Geraune und der Zerstörung der Vernunft. Der Herr vorn am Pult hat allen Grund zur Sorge. Bei den Reichstagswahlen konnte die NSDAP ihren Stimmenanteil auf 18 Prozent steigern und ist nun nach der SPD die zweitstärkste Fraktion. Doch als der Vortragende das bürgerliche Publikum zum Schulterschluss mit den Sozialdemokraten auffordert, entsteht Unruhe im Saal. Eine Gruppe unter Anführung des Schriftstellers Arnolt Bronnen macht Lärm, mit dabei sind Ernst Jünger und dessen Bruder Friedrich Georg. Unterstützt werden die konservativen Revolutionäre von zwanzig SA-Männern im Leihsmoking. Joseph Goebbels hat sie abkommandiert, sie sollen den liberalen Kulturschwätzern kräftig einheizen und die Veranstaltung sprengen.“

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Herfried Münkler: „Was in China geschieht, ist neu in der Weltgeschichte“ – Frankfurter Rundschau

„Das Milieu betrieb auch soziale Kontrolle. Die Arbeiter hatten in der Arbeit erfahren, dass sie sich aufeinander verlassen mussten. Ohne Not auf Kosten anderer zu leben, war geächtet. Der Anspruch auf Solidarität wurde durch die Solidarischen selbst kontrolliert. Es handelte sich eben nicht nur um Einkommensschichten, sondern auch um sozial-moralische Milieus. Man achtete auf den Nachbarn und der achtete auf einen. […] Darum muss heute der Staat tun, was früher das Milieu, die Nachbarn, taten. Heute heißt es: ‚Du hast mir nichts zu sagen!‘ Das gehört zu jenem Prozess, der modernisierungstheoretisch als Individualisierung beschrieben wird. Zu ihm gehört auch, dass der Staat eine immer wichtigere Rolle spielt. Nicht nur als Verteiler von Sozialleistungen, sondern auch als Kontrolleur und Überwacher. In einem vertikalen System kämpfen die Gangs – zum Beispiel die Medici und die Pazzi im Florenz des 15. Jahrhunderts – um den Staat, er ist ihr Widersacher oder ihre Beute. Horizontale Solidaritätssysteme dagegen laufen de facto auf Formen langfristiger Koexistenz hinaus. „

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Islam-Kommentar : Der Kern des Problems – Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Viel grundlegender ist aber ein anderer Widerspruch: Ein Staat, der Religionsfreiheit zu seinen wichtigsten Grundrechten zählt, kann seiner Gesellschaft nicht vorschreiben, welche Religion zu ihr gehört und welche nicht. Seine Aufgabe gegenüber jeglichen Glaubensgemeinschaften besteht darin, dafür zu sorgen, dass sich keine von ihnen anmaßt, diese Grundrechte zu verletzen. Darin besteht der Kern des Islam-Problems. In Deutschland ließe sich wohl schnell ein Konsens über den Satz herbeiführen: Der Islamismus gehört nicht zu Deutschland. Wer außer den Islamisten, von denen es allerdings auch in Deutschland immer mehr gibt, wollte ihm widersprechen? Wo aber hört der Islam auf und fängt der Islamismus an? Um sich die Sache leichtzumachen, haben sich die AfD und offenbar auch Teile von CSU und CDU dazu entschlossen, beides einfach gleichzusetzen. Dadurch ist nur ein Islam vorstellbar, der dem Staat mit Gewalt die Scharia aufzwingen will. Die AfD braucht ein solches Feindbild, um nach außen und innen Stimmung machen zu können. Die CSU braucht es vielleicht nur vor der Bayernwahl; sie gefährdet damit aber die politische Lehre, die gerade die Union aus den zerstörerischen Kräften solcher früher konfessioneller Feindbilder gezogen hat. Im aktuellen Fall entstehen sie durch eine Islam-Interpretation, die dieser Religion genau das abspricht, was immer wieder von ihr verlangt wird: die Fähigkeit zu einer historisch-kritischen Aufklärung ihrer Glaubensinhalte, die zu einer Versöhnung mit der westlichen Auffassung von Staat und Gesellschaft führt.“

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Heino steht in der Mitte der Gesellschaft – Zeit-Online

„Heino überreichte ihr einige Gastgeschenke, unter anderem das 1981 auf dem Label der Fernsehzeitschrift Hörzu erschienene Album ‚Die schönsten deutschen Heimat- und Vaterlandslieder‘. Ina Scharrenbach bedankte sich zunächst, um sich einige Tage später wieder zu distanzieren. Inzwischen hatte man sie nämlich darauf hingewiesen, dass einige von den von Heino hier dargebotenen Liedern auch im Liederbuch der SS enthalten waren, unter anderem das aus dem Jahr 1814 stammende Stück Wenn alle untreu werden. ‚Heino schenkt NRW-Heimatministerin Platte mit Lieblingsliedern der SS‘, hieß es daraufhin bei der Deutschen Presse-Agentur; Ina Scharrenbach beteuerte dagegen, sie habe von dem Zusammenhang nichts gewusst und auch gar keine Gelegenheit gehabt, die Titel auf dem Album vor dessen Entgegennahme zu prüfen. […] War das nun ein Skandal? Zwar wurde Heino von manchen Beobachtern daraufhin ein weiteres Mal in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt wie etwa von dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke), der auf seinem Twitter-Account schrieb: ‚In Deutschland gibt es einfach keine Nazis. Wer singt wie ein Nazi, redet wie ein Nazi, handelt wie ein Nazi, ist hier alles. Nur kein Nazi. – So wird relativiert, verharmlost, entschuldigt. #Heino #Heimatbotschafter #schwarzbraun #SSLieder.‘ Doch blieb Lederer mit dieser Kritik weitgehend allein, die Mehrheit der Kommentatoren wies darauf hin, dass die inkriminierten Lieder keineswegs nur von der SS gesungen worden waren, sondern auch von antifaschistischen Widerstandskämpfern. Wie man bei der Plattenbörse discogs.com einsehen kann, findet sich das Lied Märkische Heide zwar auch als B-Seite der Schellacksingle Horst-Wessel-Lied, gesungen vom Sondersturmbann XII, war später aber auch bei deutschen Sozialdemokraten so beliebt, dass die brandenburgische SPD das Stück 1994 – wenngleich vergeblich – sogar als Landeshymne vorschlug.“

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Armin Nassehi zur Heimat-Debatte: „Misslungene Symbolpolitik“ – Deutsche Welle

„Zurzeit wird dieser Heimatbegriff eher verwendet, um identitätspolitische Fragen zu adressieren. Ich sehe darin letztlich den Versuch einer AfD-Verhinderungs-Strategie: Wenn die jetzt über das Eigene reden, dann machen wir das auch. Und dann wird der Innenminister zugleich auch ein Heimatminister. Genau genommen ist das eine lächerliche Form von Symbolpolitik. Wenn man genau hinguckt, brauchen wir alles, nur kein Heimatministerium. Das ist ja kein Ressort, das man tatsächlich bespielen kann. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, was man in der Gesellschaft tun muss, dass sich die Leute so fühlen, dass sie nicht legitimieren müssen da zu sein. Und da würden mir schon ein paar Dinge einfallen. Aber das würde ich nicht mit dem Heimatbegriff aufladen, der ja gleichzeitig auch noch taktische Deutschtümelei sein soll, weil der Heimatminister derzeit nicht müde wird, ohne Not zu betonen: ‚Der Islam gehört nicht zu Deutschland.‘ Das ist eigentlich eine alberne Form von Politik. Ich halte das wirklich für pure und zugleich misslungene Symbolpolitik.“

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Winfried Kretschmann: Pfüat di Gott, Auerhahn? – Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Fast kann man die Uhr danach stellen, wann über das Konservative diskutiert wird. Dann nämlich, wenn es viel Veränderung gibt. Heute ist eine Zeit mit viel Veränderung. Und das Tempo ist hoch. Digitalisierung und Globalisierung revolutionieren die Wirtschaft. Der Klimawandel bedroht unsere Zivilisation. Flucht und Migration sind globale Phänomene. Familien- und Geschlechterrollen verändern sich. Und der internationale Terror hat Europa erreicht. Viele Gründe also, um besorgt zu sein. Aber auch in der Politik ist wenig so, wie es einmal war. Der Nationalstaat hat Teile seiner Steuerungskompetenz verloren. Populisten feiern Erfolge. Der Zusammenhalt der Gesellschaft beginnt zu bröckeln. Werden die liberalen Demokratien des Westens das unbeschadet überstehen? Die Veränderungen sind schnell, vielfältig und tiefgreifend. Sie zerstören die Balance zwischen Altem und Neuem. Das Neue erscheint vielen immer weniger als Chance und immer mehr als Bedrohung. Doch lassen sich alte Sicherheiten zurückgewinnen? Ist eine zuverlässige Orientierung im Wandel noch möglich? Oder verschwimmt alles im ‚Postfaktischen‘, in einem Meinungsstrom ohne Sachfundament? Solche Fragen berühren Kernkompetenzen des Konservativen. Aber natürlich werden sie nicht nur von Konservativen aufgeworfen. Deshalb stellt sich auch die Frage: Was ist heute konservativ? Und wie sieht ein zeitgemäßer Konservatismus aus?“

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Antisemitismus: Woher kommt der Judenhass an Berliner Schulen? – Der Tagesspiegel

„Generell ist religiös motiviertes Mobbing an Berliner Schulen verbreitet und zwar – soweit bekannt – meist von muslimischer Seite. Wie Berliner Eltern berichten, werden nicht nur Juden gemobbt, sondern auch Christen, Atheisten und Aleviten oder andere Muslime, die sich nicht an islamische Gesetze halten. Dies kann muslimische Mädchen treffen, die kein Kopftuch tragen oder muslimische Schüler, die Schweinefleisch essen. Aber auch nichtmuslimische Mädchen, die sich freizügig kleiden oder einen Freund haben.“

Religiöses Mobbing:  Vater äußert sich erneut zur Todesdrohung gegen Tochter  – Berliner Zeitung

„Erstmals seit der Veröffentlichung der Vorgänge äußerte sich nun erneut der Vater des von Mitschülern sogar mit dem Tode bedrohten Mädchens. Er und seine Frau sähen es kritisch, sagte er im Gespräch mit der Berliner Zeitung, dass die Vorfälle in manchen Medien nur als antisemitisch dargestellt würden. Der Vater betont, dass die Mitschüler bei den ersten Beschimpfungen und Drohungen noch gar nichts davon gewusst hätten, dass ein Elternteil des Mädchens jüdischer Herkunft sei. ‚Bei diesem religionsbasierten Mobbing geht es keinesfalls ausschließlich um einen Konflikt zwischen Moslems und Juden‘, sagte der Vater. Reduziere man die Vorgänge auf Antisemitismus, entstehe der Eindruck, dass hier nur zwei Minderheiten – Muslime und Juden – ihre Konflikte in Deutschland austragen. ‚Gerade darum geht es nicht. Unsere Tochter ist eine Deutsche und nicht religiös erzogen‘, sagte er. Es gehe darum, dass Kinder aus nichtmuslimischen Elternhäusern – egal welcher Glaubensrichtung oder auch ohne – teilweise verfolgt oder aus der Gruppe ausgestoßen würden. ‚Und das bereits in der Grundschule‘, sagte der Mann, der zum Schutz seines Kindes anonym bleiben will.“

Aggressive Einwandererkinder an Deutschlands Schulen – Neue Züricher Zeitung

„Ein antisemitischer Vorfall an einer Schule in Berlin wirft die Frage auf, ob Deutschlands Schulen sicher sind. Besonders dort, wo der Migrantenanteil hoch ist, gibt es Probleme. Es muss etwas passieren – aber was?“

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Ahmad Mansour: „Merkels Position zum Islam ist genauso undifferenziert“ – Welt

„In vielen Islamverbänden und Moscheevereinen sind demokratische Positionen in der Minderheit. Da gibt es Geschlechterapartheid, Sprech- und Denkverbote und Antisemitismus. Menschen werden dazu gebracht, eine schwarz-weiße Weltsicht zu haben. In dieser sind Muslime immer Opfer und „der Westen“ und die Medien immer Täter oder feindlich gegenüber dem Islam. Wir brauchen positive Vorbilder! Sich nur bei Mahnwachen und in Pressemitteilungen zur Demokratie zu bekennen, wie es viele Verbände machen, reicht nicht aus. […] Wir brauchen eine ehrliche Debatte um Glaubensinhalte, Strukturen und die Zukunft des Zusammenlebens. Ich bin dankbar dafür, dass diese jetzt geführt wird, auch wenn ich die Undifferenziertheit nicht teile. Ich finde es genauso unfair, dass Angela Merkel und Christian Wulff mit ihren Mantras, der Islam gehöre zu Deutschland, als die fortschrittlichen und moralisch-toleranten Stimmen dargestellt werden. Ihre Position ist genauso pauschalisierend und undifferenziert. Es ist ja keiner ernsthaft der Meinung, der Salafismus gehöre zu Deutschland. Doch was folgt daraus? Es geht nicht um Abschiebung. Es geht um die Frage, wie wir Muslime für unsere Demokratie begeistern und zu einem Teil von Deutschland machen können.“

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Seyran Ateş: „Wir wurden verteufelt, beschimpft und mit dem Tode bedroht“ – resonanzboden

„Mitte Juni 2017 eröffnete in Berlin-Moabit die Ibn-Rushd-Goethe Moschee und löste einen weltweiten Medienwirbel aus. Die Moschee, die sich selber als liberal bezeichnet, macht in der Tat einiges anders als man dies von traditionellen Moscheen gewohnt ist. Frauen und Männer stehen hier gemeinsam im Gebet, Frauen müssen kein Kopftuch tragen und sind in allen Funktionen den Männern gegenüber gleichgestellt und homosexuelle Gläubige sind herzlich in die Gemeinde eingeladen. Doch damit nicht genug – auch die Trennung der islamischen Strömungen sind in dieser Moschee aufgehoben. Hier beten Sunniten und Sunniten gemeinsam. Auch Aleviten sind Teil der Gemeinde. Dem Medienwirbel folgte ein Sturm emotionaler Reaktionen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Während uns die einen lobpreisten und in uns einen Hoffnungsschimmer für die islamische Welt sahen, wurden wir von anderen verteufelt, beschimpft und mit dem Tode bedroht. Es dauerte keine 24 Stunden, bis uns türkische Medien als Fethullah Gülen Moschee bezeichneten und zu Terroristen deklarierten. Nur wenige Tage später meldete sich auch die Alazhar Universität aus Kairo durch das Büro für Fatwa-Angelegenheiten – eine theologische Größe des sunnitischen Islams – und erklärte uns zu Extremisten. Denn das, was wir da taten, war für die Gelehrten der Universität nicht mit dem Islam vereinbar. Auch wenn sie dafür keine theologischen Begründungen liefern konnten. Und natürlich durfte auch der schiitische Islam dazu nicht schweigen. In einer Predigt des islamischen Zentrums Hamburg wurde den Gläubigen erzählt, dass wir keine Muslime seien und sie, die Gläubigen wüssten, was zu tun sei, wenn Menschen wie wir den Islam schlecht machten.“

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Neue deutsche Härte: Uwe Tellkamps Wutausbruch war kein Ausrutscher – Neue Züricher Zeitung

„‚Wollen Sie die bösen Bücher sehen?‘ Michael Bormann lächelt und führt in den hinteren Bereich der Buchhandlung, die er im Dresdner Ortsteil Loschwitz mit seiner Frau Susanne Dagen betreibt. Es sind helle, einladende Räume hinter einer efeuumrankten Fassade. Mit seinen langen Locken wirkt der schlaksige Gastgeber eher wie der Sänger einer Folk-Band oder der Pächter des örtlichen Biosupermarkts als wie ein Händler böser Bücher. Vor einem Regal hält er an. In der Mitte stehen, auf vielleicht zwanzig Regalzentimetern, ein paar kleine, unscheinbare Bändchen. Sie stammen aus der Reihe ‚Kaplaken‘ des rechten Verlegers Götz Kubitschek. ‚Finis Germania‘ heisst das bekannteste Werk. Die Textsammlung aus dem Nachlass des Kulturhistorikers Rolf Peter Sieferle hielt im vergangenen Sommer die Spitze der deutschen Sachbuch-Charts. Sieferle beschreibt die Deutschen darin als Volk, das zwischen Selbsthass und Fremdenliebe dem Abgrund entgegentaumelt. Die Feuilletons waren von den düsteren Texten entsetzt. Dem toten Autor konnte man nichts mehr anhaben, aber sein Name wurde postum ausgebürgert. Nicht juristisch, aber geistig. Den lesen wir nicht mehr, lautete die Übereinkunft. Deutsches Bürgertum. Was ist das heute noch? Wer gehört dazu? Es gibt zurzeit wohl keinen besseren Ort, um diesen Fragen nachzugehen, als die Buchhandlung Loschwitz am Fusse des berühmten Dresdner Villenviertels Weisser Hirsch. Wenn es den viel beschriebenen Riss in der deutschen Gesellschaft gibt, dann läuft er hier entlang, bis vor die Haustür. Fast zwei Jahrzehnte lang haben die Bürger der grossen, alten Stadt bei Bormann und Dagen ihre Bücher gekauft. Die Liste der Autoren, die im Nebengebäude des Geschäfts aus ihren Werken gelesen haben, ist lang und eindrucksvoll. 2015 und 2016 erhielt das Paar den Deutschen Buchhandlungspreis. Dann kam der Bruch.“

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Alexander Grau „Hypermoral“: Diskussion und Lesung im Buchhaus Loschwitz – stefanolix

„Mit dieser Grundeinstellung passt Alexander Grau gut zu seinen Gastgebern: Susanne Dagen und Michael Bormann schaffen im Kulturhaus und in der Buchhandlung Loschwitz Räume für Kultur, Bildung und Meinungsfreiheit. Der NZZ-Autor Marc Felix Serrao ist Mitte März nach Dresden gekommen, hat sich selbst ein Bild von den Loschwitzer Verhältnissen gemacht und einen gelungenen Artikel verfasst. Wenn an Serraos Artikel aus Sicht des Kunden ein klein wenig Kritik geübt werden muss: Es fehlt eine kurze Beschreibung der Vielfalt des Angebots. Den beschriebenen ‚zwanzig Zentimetern‘ mit Büchern rechter Verlage stehen viele Meter mit anderer Literatur gegenüber, ausdrücklich auch linksliberale und emanzipatorische Bücher. Jeder kann sich selbst davon überzeugen: Das Buchhaus Loschwitz ist keine ‚rechte‘ Buchhandlung. Nebenbei: Der typische linke Berliner Kiezbuchladen ist mit Sicherheit nicht so pluralistisch aufgestellt. Die Liste der bisher im Buchhaus Loschwitz aufgetretenen Autorinnen und Autoren ist beeindruckend. In der aktuellen Reihe mit Lesungen aus politischen Büchern war u. a. die Politikberaterin und ehemalige Grünen-Politikerin Antje Hermenau zu hören.“

Alexander Grau „Hypermoral“: Diskussion und Lesung im Buchhaus Loschwitz (2) – stefanolix

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++ Anmerkung zur Presseschau ++

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