Presseschau KW 14/18

++ Macht dumme Menschen nicht berühmt! ++ Der Begriff „christliches Abendland“ ist geistiger Müll ++ Warum der Konservatismus keine Chance hat ++ Über das Ertragen ++ Wo es wirklich um „Umvolkung“ geht ++ Kann man Antisemitismus abschieben? ++ Der Sound, aus dem der Totalitarismus kommt ++ Germanische Thing-Zirkel ++ Der Facebook-Skandal, aber sortiert ++ Die Sitten verwildern, die Gerechtigkeit ist obdachlos ++ Falsche Freunde im Boot ++

***

Macht dumme Menschen nicht berühmt! – futurezone

„Wir müssen damit aufhören, dumme Menschen berühmt zu machen. Wer im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, wird als Vorbild wahrgenommen. Die Menschen auf den Titelseiten, auf Fernsehbildschirmen oder in viralen Internetvideos legen fest, in welche Richtung sich die Gesellschaft bewegt, ob wir wollen oder nicht. Wir sollten daher darüber nachdenken, wer es tatsächlich verdient hat, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Unsere Aufmerksamkeit ist kostbar. Wir sollten sie nicht jenen schenken, die uns kurzfristig unterhalten, sondern jenen, die uns als Gesellschaft besser, klüger und zukunftstauglicher machen. Niemals würden wir jeden hereinlassen, der in unsere Wohnung will. Ebenso wenig sollten wir jeden hereinlassen, der in unser Gehirn will.“

***

Michael Wolffsohn: Der Begriff „christliches Abendland“ ist geistiger Müll – Süddeutsche Zeitung

„Geistiger Müll muss beseitigt werden, wenn vom ‚christlichen‘ oder gar ‚christlich-jüdischen Abendland‘ gesprochen wird. Beides ist mehr Fiktion als Fakt, und außerdem gehört die eher zeit- als allgemeinhistorische Bezeichnung ‚christlich-jüdisch‘ zum vornehmlich deutschen Wiedergutmachungsvokabular. Einerseits leiden wir unter stammtischlerisch grölenden Zeitgenossen à la Pegida. Sie reden sich und anderen ein, das Abendland vor dem (neuerlichen) Untergang zu retten. Andererseits behaupten manche, auch ‚Wissenschaftler‘: Abendland sei Kampfbegriff der Islamfeinde. Beides ist geistiger Müll.“

***

Thomas Schmid: Die neue Sehnsucht nach dem Gestern. Teil 2 – Warum der Konservatismus keine Chance hat – Welt

„Doch die Frage bleibt, wie dem allzu schnellen Wandel Einhalt geboten werden kann. Die sich von Schritt zu Schritt selbst rechtfertigende Ausdehnung der Staatstätigkeit und des Wohlfahrtsstaats müsste im Namen der Bürgergesellschaft gestoppt, zumindest aber verlangsamt werden: ein konservatives Anliegen. Der staatliche Hang, Lebens-, Erziehungs- und Familienmodelle faktisch in staatliche Obhut zu nehmen, sollte gebremst werden: ein konservatives Anliegen. Die so selbstsicher daherkommende Überzeugung, alles Neue sei schon deswegen besser als das Alte, weil es neu ist, sollte gründlich überprüft werden: ein konservatives Anliegen. Dieses passt zu den Menschen. Denn sie sind ja immer Bewahrer. Worin sie sich eingerichtet haben, das erhalten sie, so gut sie können. Seit 1789 wohnt der Politik der Hang inne, zu planen und die vollkommene Gesellschaft zu entwerfen. Das führt zu nichts Gutem und wird der Natur des immer unvollkommenen Menschen nicht gerecht. Politik sollte nur tun, was wieder revidierbar ist. Doch Untätigkeit im Sinne von konservativem Einschmiegen in den Lauf der Geschichte bedeutet das mit Sicherheit nicht. Im Gegenteil. Bremsen ist eigentlich nicht konservativ, sondern progressiv. Es ist Tätigkeit, Aktion. Wenn wirklich etwas gebremst werden soll – Atomkraftwerke, Autoverkehr, Landschaftsverzehr –, dann geht das ja nicht mit der Methode des Konservierens, des Festhaltens. Sondern nur durch Handeln, Schaffen und viele, viele Neuerungen. Wer bewahren will, muss verändern.“

(Aus der letzten Presseschau) Thomas Schmid: Die neue Sehnsucht nach dem Gestern. Teil 1 – Ex-Linke auf der Suche nach neuer Gemeinschaft – Welt

***

Toleranz: Über das Ertragen – Deutschlandfunk

„Tolerieren kann ich nur die Überzeugungen oder Handlungen anderer, die mir eigentlich missfallen. Das wird oft übersehen, Sie haben selbst darauf hingewiesen. Viele Leute glauben, Toleranz habe etwas mit Gleichgültigkeit und Indifferenz zu tun. Aber wenn man sich nur kurz den Begriff anschaut, sieht man schon, dass, wenn die Hörerinnen und Hörer nach dieser Sendung sagen, na gut, was der Forst da gesagt hat, konnte man tolerieren, dass das kein Kompliment ist. Dann war das denen auch nicht gleichgültig, was ich gesagt habe, sondern sie denken, dass da etwas nicht stimmte. Wir tolerieren nur die Dinge, die wir ablehnen, die uns missfallen, die wir als falsch, vielleicht sogar als schlecht ansehen. Und insofern ist, wenn so eine Haltung zustande kommt, wenn man also etwas toleriert, von einer Meinung, die man falsch findet, bis hin zu Praktiken, die man vielleicht verwerflich findet, wer also sich zur Toleranz aufrafft, der hat immer einen kleinen Schmerz zu verwinden. […] Die Grenzen der Toleranz bestehen dort, wo anderen der grundsätzliche Respekt als gleichberechtigte Person abgesprochen wird. Wo also Grundrechte infrage gestellt werden, auch demokratische Rechte infrage gestellt werden. Insofern ist auch die Frage, ob antidemokratische, also aktiv die Demokratie in Frage stellende Parteien in einer Demokratie einen Platz haben sollen, eine relevante Frage. Darauf kann man mit Toleranz reagieren und sagen, die sind jetzt nicht so wichtig, nicht so gefährlich. Die erfüllen auch, obwohl sie unangenehm sind, eine Funktion. Man kann aber auch sagen, dass es den Punkt gibt, an dem eine Demokratie sehen muss, dass solche Parteien eine Gefahr sein können, wenn vielleicht nicht für die staatliche Ordnung, wenn sie stabil ist, aber doch für den Genuss der Grundrechte in manchen Gegenden des Landes, wo jemand mit einer bestimmten Hautfarbe sich abends nicht mehr auf die Straße traut.“

***

Gaza-Konflikt: Wo es wirklich um „Umvolkung“ geht – Welt

„Am ersten Tag der von Hamas befohlenen Demonstrationen zum ‚Land-Tag‘ gab es wiederholte Provokationen: Schüsse, Steine, Versuche, den Grenzzaun zu zerstören. Die Hamas hoffte auf eine massive Reaktion der israelischen Armee mit Hunderten von Toten, auf einen Massenansturm auf die Grenze, auf eine internationale Verurteilung Israels. Doch die israelische Armee antwortete besonnen und gezielt. 17 Provokateure wurde getötet, darunter zehn namentlich bekannte Kämpfer der Hamas und anderer islamischer Terrorgruppen. Und die Bevölkerung des Gazastreifens weigert sich, weiterhin die Kulisse abzugeben für die Hamas-Propaganda der Tat. Berichte der keineswegs israelfreundlichen BBC vom Montagmorgen sprachen von nur noch einigen Hundert Teilnehmern der antiisraelischen Demonstrationen in den grenznahen Lagern. Allenfalls was die internationale Öffentlichkeit angeht, könnte die Rechnung der Hamas aufgehen, wie die Reaktionen der UN und der EU zeigen (das Toben des moralisch diskreditierten Erdogan dürfte der Hamas eher schaden). Was hier nottut, ist nicht eine ‚unabhängige Untersuchung‘ der Vorfälle, sondern der klare Blick auf die Verhältnisse und die Solidarität mit Israel. Es darf keine Äquidistanz geben zwischen Terroristen und Demokraten, keine Haltung des ‚Die einen sagen so, die anderen so‘. Wer Israels Existenzrecht nicht anerkennt, hat die Solidarität verwirkt, die er einfordert. Wer den Frieden nicht will, darf sich nicht als unschuldiges Opfer gerieren. Hier ist ein unzweideutiges Wort des deutschen Außenministers gefordert.“

Free Gaza! Von der Hamas! – Cicero

„Die Gewalt im Gazastreifen eskaliert, die Bevölkerung steht vor einer humanitären Katastrophe. So leicht sich aber viele damit tun, Israel für die verheerende Lage verantwortlich zu machen, so schwer fällt es ihnen, den wahren Feind der Palästinenser zu benennen: die Hamas.“

***

Kann man Antisemitismus abschieben? – Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Die Realität der postmigrantischen Gesellschaft anzuerkennen, bedeutet hingegen, Haltungen statt Herkunft in den Mittelpunkt zu stellen. Die Frage wäre dann nicht mehr: Araber, Muslim, Deutscher oder Flüchtling? Sondern die Abwehr von religiösem Fundamentalismus, antidemokratischen Einstellungen, von Antisemitismus, aber auch von Rassismus – egal, von wem diese ausgehen. Entgegen der Verharmlosung von Links hieße dies, die Neuhinzugekommenen jenseits eines wohlmeinenden Paternalismus als politische Akteure ernst zu nehmen. Die vielgeforderte ‚Begegnung auf Augenhöhe‘ muss eben auch bedeuten, Kritik an menschenverachtenden Einstellungen zu üben.“

***

Thomas Fischer: Der Sound, aus dem der Totalitarismus kommt – Meedia

„Aus einer verächtlichen Person hat sie, mit ein paar kleinen Gedankensprüngen, einen von ‚dieser Sorte‘ gemacht, ein Exemplar einer Gattung, die ins ‚Abklingbecken‘ gehört. Dabei reicht es ihr nicht, den stumpfsinnigen Vorwurf der Frauenfeindlichkeit nachzuplappern. Ihr Impetus reicht weiter, dahin, wo sich die pure Menschenfeindlichkeit vollends als Kampf für das Gute tarnt: Fischer im Sumpf des ‚reaktionären Spektrums‘, auf dem Weg zur ’neuen Rechten‘ und zu den Rassisten. Deshalb habe man ihn ‚aus der Gemeinschaft rausgeworfen‘. Das ist so offenkundig verleumderisch, dass es in der hilflosen Wut fast schon wieder lustig ist. Es ist ein wahrlich erbärmlicher Versuch öffentlicher Hinrichtung. Die Journalistin Burmester bezeichnet Fischer als ‚Rausgeworfen aus der Gemeinschaft‘. Man muss den Satz zweimal hören/lesen, bevor man es glaubt: Sie hat wirklich ‚Gemeinschaft‘ gesagt! Sie meint: Eine ‚Gemeinschaft‘ von Gläubigen, Dazugehörenden, Guten. Seit langer Zeit habe ich nicht mehr einen so totalitären, verachtungswürdigen Satz im Deutschlandfunk gehört. Herr Höcke hätte ihn nicht schöner sagen können. Das ist der Sound, aus dem der Totalitarismus kommt. Silke Burmester, Künderin der Gemeinschaft. Schwere Träume! Das ist nicht gut. Es zeigt eine Verachtung für Diskurs und eine Totalisierung der Ideologie. Es offenbart Unfähigkeit und Unwilligkeit, das Eigene überhaupt noch in Frage zu stellen. ‚Lagerdenken‘ ist dafür nur ein sehr schwacher Ausdruck. Frau Burmester hat, glaube ich, mit dieser Niveau-Offenbarung weder der Zeit noch den Opfern von Übergriffen und Erniedrigung einen Gefallen getan. Vom Deutschlandfunk einmal ganz zu schweigen.“

***

Neue Rechte: Germanische Thing-Zirkel – Zeit-Online

„Rechte sind Rechte und keine Konservativen; ihr Ziel ist nicht Bewahrung, sondern Zerstörung. Sie wollen die liberale Öffentlichkeit nicht meinungstechnisch erweitern, sie wollen sie abschaffen. Die Rechte träumt vom ethnisch homogenen Volk, vom organischen Staat und von seiner machtpolitischen Souveränität – ohne Rechtsgleichheit, ohne freie Gerichte, ohne Migranten, ohne ‚Vergangenheitsbewältigung‘ und ohne Einbettung in die Europäische Union. Ihre Helden heißen Wladimir Putin, Viktor Orbán und Jarosław Kaczyński. Und so kann man Rechten alles Mögliche vorwerfen, nicht aber Unaufrichtigkeit. Sie sagen, was sie wollen. Und wenn sie an die Macht kommen, dann tun sie es auch.“

***

Der Facebook-Skandal, aber sortiert – Medium

„Es gärt in mir, seit vor zwei Wochen der Skandal rund um Facebook, Cambridge Analytica und den Missbrauch von 50 Millionen Datensätzen ins Rollen gekommen ist. Denn ein gehöriger Teil der Berichterstattung zu dem Thema ist falsch — und ich glaube, man muss da einmal ein bisschen sortieren. […] Erstens: Es handelte sich nicht um ein Datenleck […] Zweitens: Facebook verkauft keine Nutzerdaten […] Drittens: Es gibt keinen Beweis dafür, dass Cambridge Analytica wirklich Wahlen beeinflusst hat […] Viertens: Tesla und SpaceX haben ihre Facebook-Seiten vermutlich gar nicht gelöscht […] Fünftens: Facebook hat nicht ’schnell reagiert’”

***

Peter Sloterdijk: „Die Sitten verwildern, die Gerechtigkeit ist obdachlos“ – Neue Züricher Zeitung

„Politik ist der Schmerz, der entsteht, wenn andere Leute anderes wollen. Daher kann man Völker als Leidensgemeinschaften verstehen, auch als Verletzungs- und Nervositätsgemeinschaften oder Streitkommunen. Ich denke dieser Tage wieder öfter an Niklas Luhmann und seine These: Was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Medien. Medien sind Themen-Umwälzanlagen. Das ist die eine Hälfte der Wahrheit: Weltwissen entsteht überwiegend medial, die sogenannte eigene Erfahrung spielt eine immer kleinere Rolle. Das trifft schon für die Antike zu. Das meiste, was die Athener zur Zeit von Perikles im Kopf hatten, kannten sie aus den vorliterarischen Medien ihrer Zeit: dem Stadtgerücht, den Mythen, dem Gossip und den Ansprachen auf der Agora. Dazu kam das Volksradio Homer. […] Gesellschaften werden durch geteilten Stress gebildet. Ich bin sicher nicht der Einzige, der den Eindruck hat, wir hätten seit einigen Jahren einen veränderten Aggregatzustand der medieninduzierten Aufgeregtheit erreicht. Die Heftigkeit und Giftigkeit der Invektiven in Europa, ja im ganzen Westen und, wie man so sagt, im Rest der Welt hat zugenommen, und zwar in allen Richtungen: links gegen rechts, der rechte Rand gegen den linksliberalen Mainstream, oben gegen unten, Geschlecht gegen Geschlecht, Inländer gegen Ausländer, Alt gegen Jung. Identitätsprobleme sind virulent wie nie zuvor. Sämtliche Differenzen, aus denen eine moderne Gesellschaft zusammengewoben ist, befinden sich in Aufruhr. Alle stehenden Dichotomien sind in Bewegung geraten, alles ist im Fluss, aber anders, als Heraklit meinte. Ich hege den Verdacht, dass es einen Mechanismus gibt, der das ganze diskutierende System in eine erhöhte Nervosität hineintreibt – nennen wir ihn das Gesetz der wachsenden Irritabilität.“

***

Bewegungsforscher Simon Teune über Ostermärsche: „Falsche Freunde im Boot“ – taz

„Das ist eine Frage der Kompatibilität. Der Teil der Friedensbewegung, der die Ostermärsche organisiert, ist stark von einer Generation geprägt, die sich in den 80ern gegen die Politik der Nato positioniert hat. Da war recht klar, wo der Feind steht: Das waren die USA, im Zweifel auch Israel. Viele sind bis heute davon geprägt. […] Mit allen Konsequenzen: Auch online sind die Ostermärsche kaum präsent. Da fehlen sowohl Leute, die das hätten vorantreiben können, als auch Multiplikatoren. Letztlich ist es ja nur ein Strang der Friedensbewegung, der zu den Ostermärschen besonders aktiv ist. Es gibt andere Teile, die zu den Märschen eher Abstand halten. Diejenigen zum Beispiel, für die Kurdistan oder Syrien im Vordergrund stehen, haben eher Probleme, an Ostern auf die Straße zu gehen.Es ist ja auch kein Ausschlusskriterium. Aber wenn es einem um Ghouta geht, ist die Aussicht darauf, dass neben mir einer ein Transparent hochhält, auf dem ‚Schützt Russland vor der Nato-Aggression‘ steht, nicht sehr motivierend, wenn ich gleichzeitig weiß, was Russland so in Syrien treibt.“

***

++ Anmerkung zur Presseschau ++

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: