Eine große Frage nochmal in den Raum geworfen

13. August 2011

Was wollen die Islamkritiker?

Es ist ja nicht so, dass man sich entsprechende Gedanken nicht schon gemacht hätte und die richtigen Fragen noch nicht gestellt worden wären. Am 09. September 2010 wurde hier bereits ein gelungener Artikel zitiert und nun – fast ein Jahr später – finde ich den Artikel von Patrick Bahners wieder hochaktuell und in eine aktuelle Diskussion passend.

An dieser Stelle nur ein kleines Zitat von Bahners und eben auch der Hinweis, dass uns eine mögliche Antwort wohl in Norwegen gegeben wurde:

„Thomas Steinfeld hat am 1. Februar d. J. in der „Süddeutschen Zeitung“ den Islamkritikern die Frage gestellt, was eigentlich aus der Unvereinbarkeitsthese folgt. Wenn sie das in Europa aus den konfessionellen Kriegen herausgewachsene System der Religionsfreiheit verwerfen, ‚den Aufstand der Mehrheit gegen eine Minderheit organisieren wollen und das Ende der Toleranz für den Islam verlangen – was geschieht dann, ganz praktisch betrachtet‘? (…) Nicht wie aus einem Munde, aber immer lauter ertönt es heute: Der Islam ist das Problem. Was haben diejenigen gewollt, die diese Parole lancieren? Ralph Giordano und Henryk M. Broder sind redegewaltige Männer. Aber sie haben wohl kaum geglaubt, dass sämtliche Muslime deutscher Nationalität nach Lektüre der Autobiographie von Ayaan Hirsi Ali vom Glauben abfallen würden. Aber wenn nicht – was dann?“

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Ängste, Stress und Wut: Die Jugend Europas

18. April 2011

Steffen Vogel trägt in der aktuellen Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik wichtige Fakten über „Europas Jugend: Abstieg und Wut“ zusammen. Jeder fünfte Jugendliche in der EU sei arbeitslos. Hinzu komme, dass junge Menschen erheblich häufiger zu den working poor, den arbeitenden Armen, gehören würden als Erwachsene.

In Griechenland habe sich die Rede von der „600-Euro-Generation“ eingebürgert, „benannt nach dem monatlichen Bruttoverdienst junger Arbeitnehmer. Und nur etwa jeder Zehnte findet sofort nach der Ausbildung überhaupt Arbeit; jeder Dritte sucht vier bis fünf Jahre.“ Ein ähnliches Bild zeige sich in Spanien, dort kenne man „seit längerem das Phänomen der Mileuristas: junge, oft gut qualifizierte Arbeitnehmer, die ein Monatssalär von gerade 1000 Euro brutto nach Hause tragen und sich davon kaum eine eigene Wohnung leisten können.“ Inzwischen sei fast jeder zweite spanische Jugendliche ohne Job. In Schweden sei mehr als jeder fünfte Jugendliche arbeitslos, ebenso wie in Frankreich, wo zudem die prekäre Beschäftigung zunehme. In Großbritannien liege die Jugendarbeitslosigkeit bei 20 Prozent und auch in der Bundesrepublik seien diese Probleme nicht unbekannt. „Zudem finden sich heute doppelt so viele junge Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen wieder wie noch vor zehn Jahren. So haben fast 40 Prozent der oft schlecht bezahlten Leiharbeiter das 30. Lebensjahr noch nicht vollendet.“

Ängste und Stress seien das Resultat ungewisser Zukunftsaussichten. „Gleichzeitig sorgen der prekäre Normalzustand und das Ausbleiben von Antworten seitens der politischen Elite für Wut. In Griechenland entlud sich der Unmut über fehlende Perspektiven bereits im Dezember 2008 in einer heftigen Revolte  (…) In Frankreich sind in den vergangenen Jahren wiederholt tausende Jugendliche auf die Straße gegangen (…) in Großbritannien und Italien haben seit dem Herbst große Studentenbewegungen von sich reden gemacht.“

Die derzeitige staatliche Krisenpolitik stelle den Gesellschaftsvertrag grundlegend auf die Probe, zitiert Steffen Vogel die Internationale Arbeitsorganisation und kommt zu dem Schluss: „Wenn Prekarität jedoch schon für Jugendliche zum Normalzustand wird, wenn Ungleichheit und Arbeitslosigkeit immer weiter zunehmen, dann wächst auch der soziale Sprengstoff – mit heute bereits unkalkulierbaren Folgen.“

Bild: 4wallz


Eine große Frage in den Raum geworfen

9. September 2010

Was wollen Islamkritiker?

„() Nicht wie aus einem Munde, aber immer lauter ertönt es heute: Der Islam ist das Problem. Was haben diejenigen gewollt, die diese Parole lancieren? Ralph Giordano und Henryk M. Broder sind redegewaltige Männer. Aber sie haben wohl kaum geglaubt, dass sämtliche Muslime deutscher Nationalität nach Lektüre der Autobiographie von Ayaan Hirsi Ali vom Glauben abfallen würden. Aber wenn nicht – was dann?

Und diese Frage ist doch sehr berechtigt. Gibt es darauf Antworten? Aus dem gleichen lesenswerten Artikel von Patrick Bahners in den Blättern für deutsche und internationale Politik:

„() Thomas Steinfeld hat am 1. Februar d. J. in der „Süddeutschen Zeitung“ den Islamkritikern die Frage gestellt, was eigentlich aus der Unvereinbarkeitsthese (Unvereinbarkeit von Islam und Grundgesetz, Anm. Florian) folgt. Wenn sie das in Europa aus den konfessionellen Kriegen herausgewachsene System der Religionsfreiheit verwerfen, „den Aufstand der Mehrheit gegen eine Minderheit organisieren wollen und das Ende der Toleranz für den Islam verlangen – was geschieht dann, ganz praktisch betrachtet“? Eine Antwort hat Steinfeld nicht erhalten.()“

Also, was wollen Islamkritiker?


Zitierfähiges: „Bedingungslose Freiheit?“

15. April 2010

Vor einiger Zeit hatte ich auf ein Film-Essay zum Thema Grundeinkommen hingewiesen. An dieser Stelle nun ein Artikel, der gegen ein solches Grundeinkommen argumentiert.

() Wenn wir heute für einen ausreichenden gesetzlichen Mindestlohn streiten, wollen wir verhindern, dass sich Arbeitgeber aus ihrer Verpflichtung zu mindestens existenzsichernder Entlohnung abseilen, indem sie sich ihre Armutslöhne zu Lasten der Allgemeinheit über Hartz IV aufstocken lassen. Wenngleich die neoliberale Prekarisierung heute teils einen anderen Eindruck erweckt, drückt sich in den nach wie vor existierenden großen Umfragemehrheiten für den Mindestlohn der breite Konsens darüber aus, dass ein Vollzeitlohn zum anständigen Leben ausreichen muss.

Dagegen soll das bGE ein Rechtsanspruch aller Bürgerinnen und Bürger gegenüber dem Staat auf ein existenzsicherndes und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichendes Mindesteinkommen sein, ohne danach zu fragen, ob sie dieser Transferleistung bedürfen oder nicht. Damit würde der Staat in die vorrangige Verantwortung für die Existenzsicherung eines jeden eintreten – egal ob arm oder reich, ob erwerbstätig oder nicht.

Wenn aber der Staat in die vorrangige Garantenpflicht für die Existenzsicherung aller eintritt, auch aller Beschäftigten, dann verliert umgekehrt das Lohnsystem seinen Existenzsicherungsauftrag. Denn dort, wo bereits der Staat die Existenzsicherung der Beschäftigten garantiert, gibt es gar keine Grundlage mehr dafür, den Arbeitgeber für eine mindestens existenzsichernde Entlohnung in Haftung nehmen zu wollen. ()

Quelle: Kreutz, Daniel: Bedingungslose Freiheit? – Warum die Grundeinkommensdebatte den Freunden des Kapitalismus in die Hände spielt; In: Blätter für deutsche und internationale Politik, Ausgabe 04/2010, S. 65-77


Mal wieder einige Lesetipps (ergänzt)

6. März 2010

Ein wirklich gelungener Artikel findet sich gerade auf Zeit-Online. Carolin Emcke schreibt über „Islamgegner“ und trifft dabei nicht nur einmal den Nagel auf den Kopf.

(…) Muslime im Singular scheint es nicht mehr zu geben. Sie sind als Individuen unsichtbar, als Leute, denen ihre Mitgliedschaft im lokalen Fußballverein oder ihre Arbeit als Krankenpfleger wichtiger sein könnte als ihre Herkunft aus Bosnien oder Afghanistan. Muslime gibt es gegenwärtig selten als Lehrer oder Schlosser, (…) als Atheisten oder Opelaner – nicht weil es sie nicht gäbe, sondern weil sie so nicht mehr wahrgenommen werden. (…)

Quelle: Zeit-Online – „Liberaler Rassismus“ (via Kruppzeuch)

Arne Hoffmann ist für den nächsten Lesetipp verantwortlich. Er verweist auf Achim Bühl und seinen Artikel über „Islamfeindlichkeit und Antisemtismus – ein schwieriger Vergleich„.

(…) Gäbe es eine Bereitschaft, den Text von Herrn Benz ernsthaft zu lesen, so hätte man zur Kenntnis nehmen können, dass das Ziel des komparatistischen Projekts darin besteht, den aktuellen antiislamischen Diskurs mit dem relativ gut analysierten Antisemitismus des 19. Jahrhunderts mit der Intention zu vergleichen, Funktionen und Ursachen, Stereotype und Ideologeme, Ausgrenzungsmechanismen und Pejorisierungskalküle (gezielte Abwertungen; Anm. ak) besser zu verstehen, um effektive und erfolgreiche Strategien gegen eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu entwickeln, wovon derzeit vor allem das Judentum und der Islam betroffen sind. (…)

Quelle: analyse & kritik – „Islamfeindlichkeit und Antisemitismus – ein schwieriger Vergleich

Auch in der aktuellen Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ befindet sich dieser Aufsatz von Achim Bühl, allerdings etwas länger und in Teilen anders formuliert. Leider ist diese überarbeitete Fassung kostenlos online nicht verfügbar. Dieser Artikel ist inzischen auch online verfügbar, nämlich hier.


Zitierfähiges: Präventive Sicherheit

10. Februar 2010

„Die objektive Sicherheitslage und das viel beschworene ’subjektive Sicherheitsgefühl‘ klaffen immer weiter auseinander. Winfried Hassemer betrachtet diese Wahrnehmungsstörung als Mangelerscheinung einer Gesellschaft, ‚der die sichere Orientierung in einer globalisierten Moderne verloren gegangen ist‘ und deshalb Risikofurcht und Kontrollbedürfnisse entwickelt. Sie pocht nicht mehr in liberaler Tradition auf Abwehrrechte gegen den einst als Leviathan gefürchteten Staat, sondern wählt ihn ‚zum Partner im Kampf um Sicherheit‘.

Folglich bestimmt der Imperativ des Schutzes mehr und mehr das politische Handeln. Und ‚Sicherheitsbedürfnisse sind struktuerell unstillbar‘, wie Hassemer festhält. Deshalb komt die Gesetzesmaschine des ‚präventiven Sicherheitsstaates‘ kaum zur Ruhe. Das zeigen nicht nur die zahlreichen ‚Reformen‘ der Sicherungsverwahrung, sondern auch die im Zuge der Terrorbekämpfung verabschiedeten Sicherheitsgesetze.“

Quelle: Pehrke, Jan: Die Weggesperrten – Sicherungsverwahrung statt Resozialisierung; In: Blätter für deutsche und internationale Politik, Ausgabe 02/2010, S. 107-113, hier S. 112